Selbstversuch Wikipedia: Löschen was nicht passt

27.1.2012 – Heute ist nach 15 Tagen ein kleines Experiment in eigener Sache zu Ende gegangen. Am 12. Januar hatte ich bei Wikipedia einen Artikel über dieses Blog eingestellt und in der vergangenen Nacht, um 2.08 Uhr, wurde er von einem aus der Schweiz stammenden und in den USA lebenden Tierarzt gelöscht, weil er das Blog nicht für relevant hält.

Dieser Veterinär ist Mitarbeiter in der Wikipedia Redaktion für Medizin. Sein Fachgebiet sind Krankheiten von Rassehunden. Und weil er einer von rund 1.000 Administratoren ist, steht ihm das Recht zu, Beiträge aus dem Lexikon nach Gutdünken zu löschen.

Warum Wikipedia?

Wie wohl die meisten von uns bin ich ein mehr oder weniger regelmäßiger Nutzer der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Schon seit längerer Zeit hat es mich interessiert, wie konkret darüber entschieden wird, ob ein Thema, ein Begriff, eine Organisation oder eine Person im Lexikon auftauchen oder nicht.

Seit ich dieses Blog im Mai 2011 begann, habe ich die Wikipedia Richtlinien für Webseiten (diese sind auch für die Relevanz  von Weblogs maßgeblich) im Auge behalten. Ende letzten Jahres habe ich festgestellt, dass das Blog inzwischen gleich mehrere der geforderten Kriterien erfüllt.

Also war es Zeit für meinen „Selbstversuch Wikipedia“. Ich habe einen vierteiligen Artikel vorbereitet, in dem ich mich, neben einer allgemeinen Definition, mit den Abschnitten „Inhalt“, „Verbreitung“ und „Erwähnungen“ beschäftigt habe. Mit insgesamt 23 Quellenangaben habe ich dabei Themen, Interviewpartner, Besprechungen, Zweitveröffentlichungen und Empfehlungen belegt.

Ich habe die Besucherzahlen des Blogs offen gelegt, die Position bei verschiedenen Blog-Ranking und Traffic-Diensten dokumentiert und deutlich gemacht, dass ich den Eintrag selber geschrieben habe. Eingestellt habe ich den Beitrag am 12. Januar um 16.00 Uhr. Drei Stunden und 39 Minuten später wurde der Eintrag erwartungsgemäß „zur Löschung vorgeschlagen“. Der Antrag stammte von einem Wikipedia Mentor, der im Hauptberuf Chemiker ist und der sich bisher an der Enzyklopädie beispielsweise mit Artikeln über das „Schlenk-Gleichgewicht“, die „Karminsäure“ oder die „Fritsch-Buttenberg-Wiechell-Umlagerung“ beteiligt hat.

Seine Begründung für den Löschantrag am 12. Januar um 19.39 Uhr:

Sieht jemand Relevanz für diesen Blog? Ich sehe da nur Werbung für eine irrelevante Website.“

Die Kriterien für Relevanz

Eines vorab: Laut Wikipedia wird es nicht empfohlen, selber einen Artikel über sich oder über ein eigenes Projekt zu schreiben. Dies verstößt zwar nicht gegen die Richtlinien und ist damit grundsätzlich erlaubt. Allerdings warnt die Enzyklopädie davor, dass es in diesem Fall erfahrungsgemäß zu besonders heftigen Diskussionen kommt, auf die man eingestellt sein soll.

Um Herauszufinden, ob ein bestimmter Gegenstand für die Aufnahme in die Online-Enzyklopädie geeignet ist, stellt Wikipedia Richtlinien für unterschiedliche Themen zur Verfügung. Blogs fallen dabei unter die Relevanzkriterien für Websites.

Grundsätzlich wird hier als entscheidendes Kriterium genannt, dass eine Website über eine allgemeine und überregionale Bekanntheit verfügen sollte. Da die Bezifferung von Bekanntheit eine schwierige Sache ist, nennt die Enzyklopädie hier eine ganze Reihe von Kriterien und Indizien zu deren Bemessung. Ist eines davon erfüllt, dann kann laut Wikipedia von Relevanz ausgegangen werden.

Genannt werden hier beispielsweise „Berichterstattungen über die Seite in eigenen Artikeln/Sendungen in überregionalen Printmedien, Hörfunk, Fernsehen, sowie in Online-Magazinen“, „Eine sehr hohe Trefferzahl (>100.000) oder ein hoher Pagerank in Suchmaschinen“ oder „Häufige Zitierung auf anderen Seiten“.

Da dieses Blog in den vergangenen Monaten von verschiedenen überregionalen Medien (darunter Deutschlandradio, Süddeutsche Zeitung, Märkische Allgemeine, etc.) erwähnt wurde, es bei der Google Suche mehr als 100.000 Ergebnisse hervorbringt und einzelne Artikel oder Teile davon auf vielen anderen Seiten (darunter Nachdenkseiten, Saarländische Online-Zeitung, Humanistischer Pressedienst der Giordano Bruno Stiftung, Fefes Blog, etc.) zitiert wurden, konnte ich von Relevanz nach den Richtlinien der Wikipedia ausgehen.

So dachte ich zumindest, aber die nun folgende Diskussion belehrte mich eines Besseren.

Die Diskussion

Zur Erklärung: Wenn ein neuer Wikipedia Artikel geschrieben wird und jemand der Auffassung ist, dass er gelöscht werden sollte, dann kann er dies beantragen. Über dem Artikel wird dann ein entsprechender Hinweis veröffentlicht und jeder ist dazu aufgerufen, sich an der Diskussion darüber zu beteiligen, ob der Eintrag gelöscht oder behalten werden soll.

In der Regel läuft diese Diskussion über einen Zeitraum von sieben Tagen. Am Ende entscheidet dann ein Wikipedia Moderator alleine über die Löschung. Dazu soll er die in der Diskussion genannten Argumente berücksichtigen und sich selber um eine neutrale Position bemühen.

Natürlich habe ich die Diskussion aufmerksam verfolgt und mich daran auch beteiligt, wenn ich mit etwas nicht einverstanden war oder falsche Tatsachen genannt wurden. Die Löschdiskussion bleibt, im Gegensatz zu gelöschten Artikeln, übrigens erhalten, so dass sich hier jeder selber ein Bild davon machen kann.

Zusammengefasst zeichneten sich vier verschiedene Reaktionsschemata ab. Da waren erstens die erfahrenen „Wikipedianer“, die sich gezielt mit den Relevanzkriterien auseinander gesetzt haben. In einigen Fällen wurde dabei von falschen Voraussetzungen ausgegangen, wenn zum Beispiel unterstellt wurde, dass ich Erwähnungen in anderen Medien selber geschrieben hätte. Da ich weder zu den Mitarbeitern der Nachdenkseiten, noch zu den Redakteuren der Süddeutschen Zeitung, der Märkischen Allgemeinen, der Druckausgabe von „der Freitag“ oder dem Deutschlandradio gehöre und von daher kaum in Lage wäre, mich dort selber zu erwähnen oder zu empfehlen, habe ich solche Statements jeweils mit genauen Quellenangaben widerlegt.

Zweitens gab es Kommentatoren, die von vornherein die Relevanz deutschsprachiger Blogs in Abrede gestellt haben, es für eine Unverschämtheit hielten, dass ich es überhaupt gewagt habe, den Artikel selber zu schreiben und das auch noch zuzugeben oder die Anstoß daran nahmen, dass ich mich überhaupt an der Diskussion beteilige, statt „in mich zu gehen“ und darüber nachzudenken, „worum es hier eigentlich geht“.

Drittens gab es ein paar eher polemische Betrachtungen, die mangelnde Relevanz feststellten, weil ich an einer Stelle im ursprünglichen Beitrag versehentlich „eine“ statt „ein Blog“ geschrieben hatte und die in meiner Schwäche in Sachen deutscher Sprache ein Merkmal für mangelnde Relevanz sahen. Außerdem direkt drei Kommentare von einem „Troll“, der den „reißerischen“ Eintrag als „schlechten Scherz“ geißelte, mit unterstellte ein „Aufmerksamkeitstäter“ zu sein, dem Blog „Ramschniveau“ bescheinigte und die Erwähnungen bei den Nachdenkseiten und in anderen Blogs darauf zurückführte, dass es sich hierbei um „linke Seiten, die aus linken Arealen schöpfen“ handle, in die jeder „rein kommt, der sich aufdrängt“.

Viertens gab es eine Reihe von Kommentatoren, die nicht aus den Reihen der „Wikipedianer“ stammen sondern die stattdessen auf meine Bitte bei Facebook reagiert haben, sich an der Diskussion zu beteiligen und die sich überwiegend dafür aussprachen, dass der Eintrag über das Blog erhalten bleiben soll.

Meine eigene Rolle bei der Debatte bestand vor allem darin, dass ich immer wieder darum gebeten habe, Ablehnung nicht über persönliche, stilistische oder Aspekte der Sympathie zu begründen sondern anhand der verbindlichen Kriterien. Leider wurde auf diese Aufrufe nicht reagiert.

Stattdessen fällte ein einzelner Wikipedia Moderator in der vergangenen Nacht um 2.08 die Entscheidung, den Eintrag zu löschen. Hierbei handelt es sich um einen in den USA lebenden und aus der Schweiz stammenden Tierarzt, der sich selber auf Wikipedia Artikel über Krankheiten bestimmter Hunderassen spezialisiert hat. Sein lakonischer Endkommentar:

Gelöscht, keine Relevanz per Wikipedia Richtlinien für Webseiten erkennbar.“

Was ist Wikipedia?

Über die Löschung meines Eintrags bin ich nicht am Boden zerstört. Ich hatte seit längerem auf eine Gelegenheit gewartet, die Erstellungs-, Zulassungs- und Löschprozesse bei der deutschen Wikipedia einmal aus der Nähe zu erleben und zu betrachten. Von daher handelte es sich bei dem Eintrag hauptsächlich um ein Experiment und die Grundlage für eine kleine Recherche.

Mehrmals wurde mir innerhalb der Diskussion unterstellt, ich wolle lediglich für das Blog werben. Jeder, der Wikipedia schon einmal genutzt hat, weiß um den Unsinn dieser Unterstellung. Eine Enzyklopädie benutzt man schließlich nicht, um sich über neue Produkte, Phänomene oder Medien zu informieren sondern in der Regel, um sich über etwas zu informieren, das man bereits kennt.

Erwähnungen bei Wikipedia können zwar unter Umständen einen Einfluss auf das Ranking von Webseiten bei den Suchmaschinen haben. Auch für diesen Effekt benötige ich allerdings keinen eigenen Eintrag, da verschiedene Artikel aus dem Blog ohnehin schon länger bei Wikipedia referenziert sind.

Da ich die Online-Enzyklopädie selber regelmäßig benutzt, drängt sich mir angesichts der geschilderten Erfahrungen eine bestimmte Frage auf: Wovon ist es abhängig, ob wir bei Recherchen per Wikipedia Artikel zu bestimmten Themen finden? Wer entscheidet letztlich darüber, welche Gegenstände in diesem sehr weit verbreiteten und stark genutzten Nachschlagewerk, das für viele Benutzer Referenzcharakter hat, behandelt werden?

Die Antwort stimmt nachdenklich: Genau einer der rund 1.000 Moderatoren der deutschsprachigen Wikipedia trifft alleine(!) die Entscheidung darüber, ob ein Beitrag im Lexikon bleibt oder ob er gelöscht wird. Hierbei kann es sich um einen Vertreter ganz beliebiger Fachbereiche und politisch-gesellschaftlicher Auffassungen handeln. Der Moderator muss seine Entscheidung nicht begründen, er muss nicht auf die vorangegangene Diskussion eingehen und er schuldet niemandem Rechenschaft über seine Entscheidung.

Kommt er, aus welchen Gründen auch immer, zu dem Schluss, dass er einen bestimmten Artikel für ungeeignet hält, dann kann er ihn innerhalb weniger Sekunden löschen, verbunden mit der Folge, dass das betreffende Thema in Wikipedia ab dann nicht mehr auffindbar ist.

In Bezug auf die (politische) Blogosphäre führt diese Vorgehensweise zu einem interessanten Effekt: Hier finden sich in der Kategorie „Weblogs“ nämlich zwar Einträge über Henryk M. Broders „Achse des Guten“, über das rechtsradikale, österreichische Blog „Alpen-Donau.info“, das rechtsextreme, antisemitische und homosexuellenfeindliche „kreuz.net“ oder über die islamfeindliche und rassistische Plattform „Politically Incorrect“. Artikel über linksliberale oder linke Blogs sucht man hier allerdings eher vergebens, wenn man einmal von den Nachdenkseiten absieht.

Dies kann nun zum einen daran liegen, dass niemand auf den Gedanken kommt, über solche Publikationen einen enzyklopädischen Artikel zu schreiben. Zum anderen ist es aber ebenso möglich, dass mit entsprechenden Einträgen so verfahren wird, wie ich es anhand meines Blogs beschrieben habe: Wenn der Beitrag irgend einem Wikipedia Moderator aus irgend einem Grund nicht passt, dann wird er gelöscht.

Die Bandbreite dieser Gründe kann von nachvollziehbaren, inhaltlichen Einwänden, über persönliche Animositäten bis hin zu einer abweichenden politischen Auffassung reichen. Da es jedem Moderator grundsätzlich überlassen bleibt, seine Entscheidung mit der angeblich fehlenden und kaum objektiv überprüfbaren Relevanz zu begründen, ist im Prinzip kein Thema davor geschützt, aufgrund ganz subjektiver Einstellungen und Beweggründe nie in der Wikipedia aufzutauchen.

Hieraus leiten sich zwei praktische Konsequenzen ab: Erstens sollte man sich bei der Recherche per Wikipedia immer darüber im Klaren sein, dass ein Thema, auch wenn es dort nicht referenziert ist, wichtig sein kann. Zweitens sollten kritisch, liberal, humanistisch oder links eingestellte Autoren das Feld nicht den bisherigen „Wikipedianern“ alleine überlassen, sondern sich mit eigenen Einträgen, Diskussionsbeiträgen und Veränderungen an bestehenden Artikeln selber in die Enzyklopädie einbringen. Solange vor allem Computer-Nerds, Naturwissenschaftler oder Rechtschreib-Fanatiker alleine darüber entscheiden, was in Deutschland unter enzyklopädischen Gesichtspunkten politisch relevant ist, besteht hier Handlungsbedarf.

Schließlich besteht der bemerkenswerte Grundgedanke von Wikipedia darin, „das Internet zur gemeinsamen Entwicklung einer Enzyklopädie zu verwenden“. Wenn schon die Chance besteht, dass ein Nachschlagewerk nicht von einem einzelnen Konzern herausgegeben und bestimmt sondern stattdessen von allen gemeinsam erarbeitet wird, dann sollten sich auch möglichst viele Menschen, mit vielen unterschiedlichen Blickwinkeln, Fachgebieten und Einstellungen dort einbringen.

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88 Kommentare

Eingeordnet unter Kultur, Politik

88 Antworten zu “Selbstversuch Wikipedia: Löschen was nicht passt

  1. Klarmacher

    Hallo Jacob,

    wie wäre es, eine Löschprüfung einzuleiten? Gerichtsurteile werden auch angefochten; entsprechend bin ich dafür, neben der hier erfolgten Beschreibung des Sachverhalts aus Deiner Sicht den nächsten Schritt zu gehen, den die WP in diesem Fall vorsieht…

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:LP

  2. genomu

    Es wird dich nicht trösten, aber von der Existenz deines Blogs erfuhr ich vor ~ 15 Minuten durch einen Link im Kommentar eines eher unbekannten Blogs. :)

  3. Peter Petereit

    “Wiki” ist mittlerweile (trotz hoffnungsfroher Anfänge) genauso instrumentalisiert, wie die sogenannt “Jahnbehörde”. Nicht “systemrelevantes” wird ausgeblendet und/oder verfälscht. Bibliotheken mustern ihre Nachschlagewerke mangels Nachfrage (“Jugend surft”) aus. Bücher, die mal auf dem Scheiterhaufen hexenähnlich endeten, ebenso, im “50-Cent -Orkus”, wie z. B. A. Tolstoi, J. Jewtuschenko, F. Wolf (grad erst erworben, das “Dramatische Werk” in 5 Bänden für € 2,50)… Geistige Verdummung mittels technischem Fortschritt… Eigentlich ein Widerspruch an sich. Aber, es ist keiner… Es ist nur noch traurig…
    Trotzdem optimistisch LG: PP

  4. Peter Petereit

    Ein “e” habe ich vergessen. Oder, vielleicht auch nicht?

  5. Pingback: Spontis Wochenschau #5/12 › Spontis

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