Der Gauck, die Netzgemeinde und die anderen

22.2.2012 – Das Volk ist begeistert von seinem künftigen Präsidenten. Bis zu 69 Prozent der Bevölkerung, so berichtet das ZDF, finden es gut, dass Joachim Gauck Bundespräsident wird. Nur die „Netzgemeinde“ verweigert dem „Präsidenten der Herzen“ die Gefolgschaft und wird dafür von den „Qualitätsmedien“ arg gescholten.

Doch wer soll diese häufig zitierte „Netzgemeinde“ eigentlich sein, wie begründen Publizisten und Kommentatoren im Internet ihre Ablehnung gegenüber Joachim Gauck und wie ist es um die Gründlichkeit bestellt, mit der sich die Vertreter der klassischen Medien mit dem Kandidaten auseinandergesetzt haben?

Was ist eigentlich diese Netzgemeinde?

Schwer zu sagen, wen die etablierten Medien meinen, wenn sie von der „Netzgemeinde“ sprechen. Sind damit die über 46 Millionen Deutschen angesprochen, die über einen Internet-Anschluss verfügen? Die 20 Millionen Facebook-, 17 Millionen Studi-VZ- oder zwei Millionen Twitter-Nutzer? Sprechen die Konzernmedien von den rund 8,4 Prozent der deutschen Internet-Nutzer, die ein eigenes Blog betreiben oder von denen, die klassische Medien mittlerweile vor allem per Internet konsumieren und sich im Rahmen von Kommentaren an Diskussionen im Netz beteiligen?

Obwohl nie definiert wurde, um wen oder um was es sich bei der vielzitierten „Netzgemeinde“ eigentlich handelt, taucht der Begriff immer dann auf, wenn es darum geht, eine im Web erkennbare Auffassung zu relativieren und in Kontrast zur „echten, öffentlichen Meinung“ zu stellen: Die „Netzgemeinde“ liefert sich Schlachten mit Karl-Theodor zu Guttenberg, mit Hans-Peter Uhl oder mit Ansgar Heveling, sie steht den digitalen Bürgerdialogen von Angela Merkel kritisch gegenüber, sie wehrt sich gegen ACTA oder setzt sich für Freiheit und Anonymität im Internet ein.

Immer wenn ein Redakteur der klassischen Medien zum Begriff „Netzgemeinde“ greift, dann bedient er damit mindestens zwei Assoziationen: Erstens drückt die Verwendung des Begriffes aus, dass sich der Verfasser selber nicht zugehörig fühlt. Zweitens nährt die Bezeichnung „Gemeinde“ die Vorstellung, es handle sich hierbei um eine kleine und sektenartige Gruppe, die außerhalb der „allgemeinen Gesellschaft“ steht.

Um mit der Unsicherheit über diesen Begriff einmal aufzuräumen: Zur „Netzgemeinde“ gehört per Definition jeder, der regelmäßig einen Internet-Anschluss benutzt. Eine Studie des BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) kommt im April 2011 zu folgenden Ergebnissen: Vier von Fünf Bundesbürgern nutzen täglich einen PC. Zwei Drittel dieser Nutzer verbringen dabei pro Tag sogar mindestens zwei Stunden am Rechner.

Will man die Bezeichnung „Netzgemeinde“ also überhaupt verwenden, dann sollte man sich zuvor klar machen, dass dieser potentiell rund 80 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen einschließt und darüber hinaus keine Aussagekraft besitzt. Das aktuellste Beispiel der exzessiven Verwendung dieses Begriffs durch die Vertreter der etablierten Medien ist die öffentliche Diskussion über die Kandidatur von Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten.

Die Sache mit den Umfragen

Die Medien feiern Joachim Gauck bereits zum zweiten Mal als „Präsident der Herzen“ und attestieren ihm fast durchgängig Traumquoten in Sachen Beliebtheit in der Bevölkerung. Das ZDF (Forschungsgruppe Wahlen) sieht die Zustimmung zu seiner Kandidatur bei 69 Prozent. Die „Bild-Zeitung“ beruft sich auf eine Emnid-Studie und spricht von 54 Prozent positiver Beurteilung, während RTL das Meinungsinstitut Forsa mit einer Blitzumfrage beauftragt hat, die zum Ergebnis kommt, dass 46 Prozent der Bevölkerung seine Kandidatur positiv bewerten.

Abgesehen davon, dass „repräsentative Meinungsumfragen“ meist mehr über die Auffassung des Statistikers als über die der Befragten selber aussagen – vor allem die Auswahl der Interviewpartner und die konkrete Formulierung der Fragestellung ergibt einen großen Gestaltungsspielraum – ist es bemerkenswert, dass die Ergebnisse untereinander eine Abweichung von 23 Prozent aufweisen. Alle Umfragen, auf die sich Presse und Medien beziehen, wurden annähernd zeitgleich durchgeführt und  nehmen für sich in Anspruch, repräsentativ zu sein.

Interessant in diesem Zusammenhang: Der MDR hat am 20. Februar eine Online-Umfrage nach wenigen Stunden vom Netz genommen, nachdem sich dort innerhalb von kurzer Zeit 78 Prozent (2.950 Stimmen) der Befragten gegen Gauck ausgesprochen haben. Weder die Umfrage selber noch ein Bericht über das Ergebnis stehen auf den Seiten des MDR weiterhin zur Verfügung, obwohl andere, längst abgelaufene Befragungen, dort teilweise über Wochen online gehalten werden.

Auch eine Betrachtung der zahlreichen Leserkommentare unter Artikeln, in denen Joachim Gauck als Wunschkandidat der meisten Deutschen gefeiert wird, sorgt für Irritationen. Es ist aufgrund ihrer großen Anzahl kaum möglich, die Kommentare empirisch zu bewerten, einzuordnen und auszuwerten. Es fällt allerdings auf, dass sich der überwiegende Teil der Kommentatoren ausgesprochen negativ über seine Kandidatur äußert. Bei derart hohen Zustimmungswerten sollte man eigentlich davon ausgehen, dass sich hier zumindest ein deutlich wahrnehmbarer Anteil der Leser für Joachim Gauck ausspricht. Die Lektüre der Kommentare unter Artikeln beim Spiegel, in der WELT, der ZEIT, der Süddeutschen Zeitung, beim Handelsblatt, bei der Tagesschau und bei vielen anderen Publikationen ergibt allerdings ein anderes Bild.

Die Qualitätsmedien sind hierbei nicht um eine Erklärung verlegen: Es ist die „Netzgemeinde“, die dem Kandidaten, im Gegensatz zur breiten Bevölkerung, die Gefolgschaft verwehrt.

Netzgemeinde gegen Gauck?

Die Argumente der sogenannten „Netzgemeinde“ werden von den Redakteuren der etablierten Medien scharf zurückgewiesen. Hier herrscht vor allem der Vorwurf vor, die Publizisten und Kommentatoren im Netz würden Aussagen von Joachim Gauck verkürzt, verkehrt oder aus dem Zusammenhang gerissen verwenden, um Stimmung gegen den künftigen Präsidenten zu machen.

Immer wieder wird hierbei kritisiert, man habe Gauck zu Unrecht eine inhaltliche Nähe zu Thilo Sarrazin unterstellt, man habe seine Äußerungen zur Occupy-Bewegung und zur Anti-Kapitalismus-Debatte falsch zitiert oder ihm eine ablehnende Position gegenüber Hartz-IV-Empfängern oder Einwanderern in den Mund gelegt.

Da auch ich in den letzten Tagen zweimal kritisch über Joachim Gauck berichtet habe („Hier riecht’s nach Gauck“, „Joachim Gauck: Der späte Sieg der markkonformen Demokratie“) fühle ich mich von dieser Kritik angesprochen und will deshalb Stellung beziehen:

Natürlich hat sich Gauck nicht positiv über die eigentlichen Thesen Sarrazins geäußert. Wäre dies der Fall, dann müsste man über seine Kandidatur wohl auch kaum diskutieren. Gauck hat allerdings – exakt so haben ich und viele andere es auch beschrieben – Sarrazin Mut attestiert, weil er sich traute, ein Thema anzusprechen, das in der Öffentlichkeit weitgehend verschwiegen wird. Und er hat der Politik geraten, aus dem Erfolg von Sarrazins Buch zu lernen.

Ich habe, im Gegensatz zu Joachim Gauck, nicht den Eindruck, dass rassistische und fremdenfeindliche Inhalte in der Öffentlichkeit verschwiegen werden. Man begegnet ihnen an vielen Stellen in verdeckter oder offener Form und es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass sich in der Mitte unserer Gesellschaft ein ausgeprägter Rassismus breitgemacht hat. Menschenverachtende Ressentiments in einem Buch zu sammeln und ihnen einen pseudo-wissenschaftlichen Rahmen zu verpassen, ist keinesfalls ein Zeichen für besonderen Mut sondern allenfalls ein Indiz für einen ausgeprägten Geschäftssinn.

Wer, angesprochen auf Thilo Sarrazin, dessen „Mut“ in den Vordergrund stellt und gleichzeitig weitgehend darauf verzichtet, dessen krude, absurde und spaltende Thesen entschieden zurückzuweisen, der darf sich nicht darüber wundern, selber zum Gegenstand der Kritik zu werden. Nicht mehr und nicht weniger habe ich Joachim Gauck in diesem Zusammenhang vorgeworfen.

In Bezug auf Gaucks Position gegenüber der Occupy-Bewegung und der Anti-Kapitalismus-Debatte ist es nicht erforderlich, einzelne seiner Aussagen auszuwerten, um eine Vorstellung seiner grundsätzlichen Position zu erhalten. Selbst wenn Gauck die Debatte über den Kapitalismus nicht als „unsäglich albern“ bezeichnet und der Protestbewegung nicht in Aussicht gestellt hätte, „schnell zu verebben“, dann kann angesichts seiner zahlreichen Schriften, Vorträge und öffentlichen Beiträge nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass es sich bei ihm um einen überzeugten Vertreter des Kapitalismus und der sogenannten „sozialen Marktwirtschaft“ handelt.

Gauck bemüht sich nie darum, seine Position zu verschleiern. Während immer mehr Menschen, hierunter auch zunehmend ausgewiesene Konservative, Zweifel am Segen des Kapitalismus und der heilsamen Wirkung unregulierter Märkte äußern, hält Joachim Gauck an der Vorstellung fest, dass Freiheit immer auch die uneingeschränkte Freiheit der Wirtschaft bedingt und dass es nicht hilfreich wäre, wenn die Politik in der Finanzwirtschaft das Sagen hätte.

Widerstandskämpfer und Bürgerrechtler?

Auch den Vorwurf gegenüber Joachim Gauck, er habe sich mit verschiedenen Äußerungen gegen Hartz-IV-Empfänger gestellt, wird von den „Qualitätsmedien“ scharf zurückgewiesen.

Der „Netzgemeinde“ wird hier unterstellt, sie habe Gaucks Kritik an den Demonstrationen gegen Hartz-IV im Jahr 2004 absichtlich in einen falschen Zusammenhang gestellt, um den Kandidaten zu diskreditieren. Gauck hatte es in einem Interview mit der Berliner Zeitung als „töricht und geschichtsvergessen“ bezeichnet, dass die Demonstranten ihre Proteste unter der Bezeichnung „Montagsdemonstrationen“ abgehalten hatten.

Diesen Titel wollte Gauck exklusiv den Demonstrationen von 1989 vorbehalten wissen, da es sich hier um den fundamentalen Widerstand gegen das DDR-System handelte, während die Hartz-IV-Proteste in einem demokratischen System stattfänden.

In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass Gauck öffentlich die Frage aufwarf, “ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen“, dass er am 20. Jahrestag der deutschen Einheit in Bezug auf Hartz-IV Empfänger sagte:„Wir müssen uns nicht fürchten, auch in den Problemzonen der Abgehängten Forderungen zu stellen“ und dass er insgesamt ein Gesellschaftsbild präferiert, in dem jeder einzelne selber für sein Glück und seinen Erfolg verantwortlich ist.

Seine Zurückweisung der Hartz-IV-Proteste führt allerdings auch zu einem anderen Thema: Joachim Gauck wird öffentlich meist als „DDR-Bürgerrechtler“ bezeichnet. Wie auch die Kanzlerin,  lässt er es sich gerne gefallen, im Umfeld von DDR-Widerstand, Systemkritik und Freiheitsbewegung verortet zu werden.

Zur besseren Einschätzung von Gaucks Rolle innerhalb der DDR-Opposition möchte ich aus einem bemerkenswerten Kommentar von Gerhard Rein zitieren, der in der gestrigen Ausgabe der WDR 5 Sendung „Politikum“ übertragen wurde und dem nichts hinzuzufügen ist:

„Nun, was man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt, hat man früher als DDR-Opposition bezeichnet. Zur DDR-Opposition hat Gauck niemals gehört. Er trat auch nicht in den system-kritischen Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen je in Erscheinung. In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden, taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf.

Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem „Neuen Forum“ angeschlossen. Vorher ist ein politischen Engagement gegen den repressiven Staat nicht auszumachen.“

Der Anti-Kommunist Gauck

Bisher haben wir gesehen, dass Joachim Gauck den „Mut“ von Thilo Sarrazin ohne Notwendigkeit hervorgehoben hat, dass er ein glühender Anhänger des Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft neuer Prägung ist, dass er ein Freiheitsbild verkörpert, dass vor allem von der Freiheit für Wirtschaft und Märkte getragen ist, dass er dafür eintritt, auch in den „Problemzonen Abgehängter“ Forderungen zustellen und dass er befürchtet, „Solidarität und Fürsorglichkeit“ könnten dazu beitragen, „uns erschlaffen zu lassen“.

In diesem letzten Abschnitt möchte ich mich jetzt noch mit dem Anti-Kommunisten Joachim Gauck beschäftigen, da sich diese Position wie ein roter Faden durch sein öffentliches Leben zieht. Stellvertretend möchte ich zur besseren Einschätzung seinen Beitrag „Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung“ in der deutschen Ausgabe des „Schwarzbuch des Kommunismus“, seinen Artikel „Das Ritual der Antifaschisten“ in der ZEIT vom 30. Juli 1998 und seinen Vortrag „Welche Erinnerungen braucht Europa“ vom August 2006 vor der Robert Bosch Stiftung erwähnen. Die folgenden Zitate sind dem letztgenannten Vortrag entnommen.

In allen drei Beiträgen tritt Joachim Gauck für eine historische Gleichbehandlung von NS-Diktatur und DDR-Regime ein. Er geht davon aus, dass Menschen, die über eine lange Zeit in einer Diktatur gelebt haben, ihre “Empathie [und ihre] Sympathie mit den Opfern der Politik des eigenen Staates“ verlieren. Dabei bezieht er sich auf die Beobachtungen von Hannah Arendt im Nachkriegsdeutschland.

Gauck geht davon aus, dass Selbstmitleid an die Stelle von Mitleid tritt, wenn es um die Beurteilung und den Umgang mit der eigenen und der kollektiven Schuld und Verantwortung für totalitäre Systeme und ihre Verbrechen geht. In seinen Augen wurde dieses Phänomen in Westdeutschland unter anderem durch den Einfluss der 68er Bewegung überwunden:

„Auch die 68er, die politisch oftmals auf die falsche Fährte gesetzt haben, dürfen doch glauben, dass sie, als sie das Schuldthema auf den Tisch der Nation legten, einen kulturellen Wandel in Gang gesetzt haben, »Gnadenfieber« (Giordano), Selbstmitleid und Verdrängung sind in einem jahrzehntelangen Lernprozess überwunden worden.“

In Bezug auf den ostdeutschen Kommunismus hat dieser Lernprozess nach der Überzeugung von Joachim Gauck nicht stattgefunden.

„Millionen von Opfern kommunistischer Gewalt bleiben aber ungenannt und weitgehend unbetrauert.“

Die Argumentation Joachim Gaucks führt zu der Schlussfolgerung, dass die DDR-Geschichte erst ebenso intensiv aufgearbeitet werden muss wie die NS-Vergangenheit in Westdeutschland, bevor die ehemaligen Bürger der DDR in der Lage sind, die politischen Verhältnisse vor dem Hintergrund von „Fakten und Realität“ anstelle von „Leitideologien“  zu beurteilen. Damit spricht er einem großen Teil der Menschen in unserer Gesellschaft pauschal die Fähigkeit ab, Politik vor dem Hintergrund von „historischer, politischer und moralischer Wahrheit“ zu bewerten.

Die Stoßrichtung seiner Argumente wird in einem weiteren Zitat deutlich. Sie zielt auf die Rolle der LINKEN als Volkspartei in den neuen Bundesländern:

„Erschreckend das Ausmaß von Ignoranz und Gutgläubigkeit in weiten Kreisen der Linken, deren kritisches Vermögen doch ansonsten besonders stark aus­ geprägt war. Es ist doch normal, dass die Völker das Leid, das sie als Opfer des Kommunismus erleiden mussten, dann in den Mittelpunkt stellen, wenn es das größte von ihnen erlittene Unrecht darstellt.“

Joachim Gauck beruft sich in seinen Schlussfolgerungen immer wieder auf die Schriften von Hannah Arendt, die ihren Begriff vom „loss of reality“ vor dem Hintergrund ihrer Beobachtungen im Nachkriegsdeutschland prägte. Was Gauck allerdings übersieht oder doch zumindest verschweigt ist die Tatsache, dass Hannah Arendt ausschließlich den Nationalsozialismus und den russischen Stalinismus als totalitäre beschreibt. Nach ihrer Definition gehören weder der italienische Faschismus, noch der Franquismus oder das System der DDR zu den totalitären Systemen.

Die Differenzierung ergibt sich nach Arendt aus der Frage, ob sich eine Diktatur auf sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens, nicht nur auf die politischen, bezieht, ob in ihrem Zentrum eine Massenbewegung steht , ob Verbrechen und Massenmorde die Regel sind und ob sie vom Streben nach Weltherrschaft geleitet ist. Ohne Zweifel trifft keines dieser Kriterien auf das DDR-System zu. Folglich lassen sich Hannah Arendts Beobachtungen und Schlussfolgerungen nicht auf die ostdeutsche Geschichte übertragen, wie es Gauck dennoch tut.

Auch Gaucks Einschätzung, wonach in Westdeutschland Verdrängung und Selbstmitleid gegenüber der NS-Vergangenheit überwunden sind, ist zweifelhaft. Gerade heute stellen wir fest, dass rechtsextreme Ideologien eine weitaus größere Verbreitung aufweisen, als lange angenommen wurde. Nicht nur die Terrorakte der NSU und der Umgang von Politik und Behörden mit rechtsradikalen Strukturen lassen Zweifel daran aufkommen, wie angemessen heute in unserem Land mit der NS-Vergangenheit umgegangen wird. Auch der weit verbreitete Rassismus, der sich bis in die Mitte der Gesellschaft zieht, spricht nicht für einen vorbildlichen Lernprozess, wie ihn Gauck postuliert.

Not my President

Insgesamt muss man die Gleichsetzung, die Gauck in Bezug auf das NS-Regime und das DDR-System betreibt, kritisch bewerten. Sie führt einerseits zwangsläufig zu einer Verharmlosung der NS-Verbrechen und verhindert andererseits eine ergebnisoffene Debatte über Alternativen zum Kapitalismus, zur sozialen Marktwirtschaft heutiger Prägung und zur fortschreitenden Machtergreifung der „Märkte“ über die Demokratie.

Dass sich Joachim Gauck zusätzlich über weite Teile der ehemaligen DDR-Bevölkerung erhebt – zu der er selber gehört – und ihr pauschal die Fähigkeit abspricht, darüber entscheiden zu können, welche politischen Strukturen sie für geeignet hält, um Gerechtigkeit, Solidarität und ein friedliches Zusammenleben zu erlangen, bringt ihm den häufig auftauchenden Vorwurf der Borniertheit ein, der sich durch Kommentare, Blogartikel und andere Statements zieht.

Ein begründetes Interesse an sozialistischen Positionen mit der Begründung abzulehnen, es handle sich bei ihren Vertretern um „Opfer“ eines totalitären Systems, die sich bislang nur nicht hinreichend mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hätten und in Selbstmitleid verharren, zeichnet das Bild eines arroganten Menschen, dem es an Neutralität und Einfühlungsvermögen mangelt. Joachim Gauck hat den traditionellen, westdeutschen Anti-Kommunismus erst zu einem Zeitpunkt für sich entdeckt, zu dem der Widerstand gegen das DDR-System bereits opportun und nicht mehr mit persönlichen Risiken verbunden war. Sich dennoch als „DDR-Bürgerrechtler“ zu gerieren erscheint weder zutreffend noch anständig.

Ich weiß nicht, ob ich nach Definition der Qualitätsmedien, zu der oft zitierten „Netzgemeinde“ gehöre. Ich weiß allerdings, dass ich, wie viele andere Publizisten und Kommentatoren im Internet, in der Lage bin, einen Präsidentschaftskandidaten vor dem Hintergrund seiner Schriften, Artikel und Vorträge einzuschätzen und einen zutreffenden Eindruck von seinen Auffassungen und Standpunkten zu gewinnen.

Es ist die intensive Auseinandersetzung mit den Positionen von Joachim Gauck, die mich dazu bewegt, ihn als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten abzulehnen. Seine Äußerungen über Thilo Sarrazin und die Occupy-Bewegung, über Hartz-IV-Empfänger und Einwanderer,  über die Stuttgart21 Bewegung oder die Energiewende mögen meinen Eindruck von Gauck bestätigen. Sie bilden aber keineswegs die Grundlage meiner Einschätzung.

Ich rate den Vertretern der „Qualitätsmedien“ ihre unkritische Zustimmung zu Gauck einmal faktenbasiert und umfassend zu überprüfen, bevor sie dessen Ablehnung als populistische, nachlässige und irreführende Propaganda einer nicht näher definierten „Netzgemeinde“ diffamieren.

About these ads

120 Kommentare

Eingeordnet unter Politik

120 Antworten zu “Der Gauck, die Netzgemeinde und die anderen

  1. Pingback: Der Gauck, die Netzgemeinde und die anderen | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

  2. Pingback: Der Gauck, die Netzgemeinde und die anderen | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

  3. Top,JJ! Herzlichen Dank für diesen Artikel.
    Ich möchte ergänzen:
    Was vom “Kandidaten der Herzen” im Falle seiner Wahl zum Bundespräsidenten noch zu erwarten wäre, erklärte Gauck 2010 im
    SPON-Interview:
    “Eines hätte ich jedenfalls vor: Darauf hinzuwirken, dass die Regierung ihre Politik besser erklärt. Beispiel Afghanistan: Warum sagen wir nicht in klaren Worten, was los ist? Dass unsere Soldaten dort im Auftrag der Vereinten Nationen Terrorismus bekämpfen und daneben noch eine Menge Gutes für die Menschen in Afghanistan tun. Oder das Sparpaket: Natürlich muss gespart werden – aber das muss der Bevölkerung vermittelbar sein.”

    Dass unsere amerikanischen Verbündeten in Afghanistan gelegentlich Hochzeitsgesellschaften in die Luft sprengen, Jungen beim Holz sammeln niedermähen, schwangere Frauen bei nächtlichen Razzien erschießen und auf Leichen urinieren, verschweigt der Kandidat der Herzen ebenso wie das Massaker von Kunduz. Die Wikileaks-Veröffentlichungen bewertet Gauck folgerichtig als Rechtsbruch, die Speicherung von Telekommunikationsdaten hält er hingegen für unbedenklich. Gauck, der schon den Irakkrieg befürwortet haben soll, möchte die wahren Motive eines völkerrechtswidrigen Krieges verschleiern, den die Mehrheit der Bevölkerung der BRD ablehnt. Ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist, der eine korrupte US-Marionette, Warlords und Drogenhändler an die Macht brachte, der Tod und Zerstörung für die afghanische Zivilbevölkerung bedeutet, der weder die Taliban entmachtete, noch den Mohnanbau eindämmte. Ein Krieg, der vor dem 11.September 2001 geplant wurde um eine Pipeline durch Afghanistan zu bauen. Darüber wird Joachim Gauck sicher kein Wort verlieren. Im Gegensatz zum wahren Kandidaten der Herzen, dem einzigen, der dem Land gut täte, der großes Vertrauen der Bürger verdient hätte und das Amt mit Würde und Integrität ausüben würde: Georg Schramm.
    http://machtelite.wordpress.com/2012/02/18/joachim-gaucktransatlantischer-wunschkandidat-der-neoliberalen-spd/

  4. Die sogenannten Qualitätsmedien verhalten sich eben in der Frage Gauck genauso obrigkeitskonform wie auch zu allen anderen Themen der heutigen Gesellschaft. Dass man vor allem deshalb von gleichgeschalteten Medien spricht, dürfte niemanden verwundern, auch wenn ab und an blitzlichtartig mal ein gescheiter Beitrag auftaucht, den man in großen Teilen befürworten kann. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Schäbig finde ich, wie versucht wird, Gauck hochzuputschen auf Kosten von 80 Prozent der deutschen Netzteilnehmer. Haben sie gar keine anderen Argumente für ihre Lichtgestalt Gauck, außer dass er der beste Kandidat von allen ist, also des einzigen Kandidaten? Ich hoffe, dass die Linkspartei einen Kandidaten benennt, der wenigstens das genaue Gegenteil des sauberen Pfaffen Gauck ist, auch wenn er bei diesen Mehrheitsverhältnissen keine Chance haben wird. Alles, was Sie ansprechen, habe ich im Netz schon gelesen, und zwar in überwältigender Mehrheit und kann Ihre Aussagen nur bestätigen. Gut, dass Sie sich dazu geäußert haben.

  5. Floh

    Daumen hoch . Dem gibt es wohl nichts mehr hinzuzufügen .

  6. Ein sehr netter, aufklärender Artikel! Aber, JJ, was sollen die gleichgeschalteten Medien denn auch weiter von sich geben? Ja, es wäre interessant wenn sie Erläuterungen zur Atlantik-Brücke und/oder zur deutsche Nationalstiftung bringen würden, denn das sind doch die zu beachtenden Punkte bei Herrn Gauck, aber soweit sind wir denn mit der Pressefreiheit dann halt wohl doch noch nicht.
    Es ist eben alles nur ein kriminelles Geklüngel welches die Konzernmedien nutzt um eine perfekte Tarnung zu erlangen.

  7. daweed

    “Die Lektüre der Kommentare unter Artikeln beim Spiegel, in der WELT, der ZEIT, der Süddeutschen Zeitung, beim Handelsblatt, bei der Tagesschau und bei vielen anderen Publikationen ergibt allerdings ein anderes Bild.”

    Doppeldeutigkeit vom feinsten…

  8. Im Zusammenhang mit der MDR-Umfrage wäre es auch interessant zu klären, wer denn letztendlich dafür gesorgt hat, dass die Gauck-Umfrage von der Seite verschwindet. Hierbei handelt sich schließlich um eine öffentlich-rechtliche Anstalt, bei der der Begriff der “unabhängigen Medien” eigentlich groß geschrieben werden sollte. Ich finde so etwas ist nicht nur moralisch, sondern vielleicht sogar in strafrechtlicher Hinsicht zu verurteilen.

    • klean

      Ich hoffe Dir ist bewußt, dass die ‘manipuliert’ wurde, weil die Umfrage doch nach 18 Uhr konträr explodiert ist. ;)

      • Nein, war es mir nicht, danke für den Hinweis. Ich denke dem Autor hier auch nicht, sonst wäre die Umfrage in diesem Artikel wahrscheinlich gar nicht erwähnt, bzw. wäre deutlich auf die Fälschung hingewiesen worden.

      • klean

        Huhu, das war Ironie! Die Beweispflicht für Manipulation liegt beim MDR sollte das ganz nüchtern heissen.

        • fischi

          Komisch habe heute gelesen die Ostseezeitung hat auch eine Umfrage gemacht.
          Die ist genauso ausgegangen und wurde auch vom Netz genommen.
          Hier im Osten haben die Menschen schon ein Gespür dafür wer ein WENDEHALS ist.

        • klean

          @ fischi
          Zustimmung mit Mini-Korrektur, die Abstimmung der Ostsee-Zeitung ist soweit noch aktiv. Was ich viel interessanter finde sind beendeten Umfragen, die Gauck betreffen. Man darf nicht vergessen zum Verbreitungsgebiet der OSZ gehört auch Rostock, also die Heimatstadt des Kandidaten.
          Im Endeffekt halte ich derlei Statistikspielchen jedoch für wenig aussagekräftig & manipulationsanfällig sowohl in Richtung des Fragestellers als auch der Abstimmenden.

        • fischi

          Ist klar das solche Umfragen nicht ganz repräsentativ sind.
          Trotzdem zeigen sie auch die Du noch verlinkt hast das der Gauck bestimmt beim Volk nicht so beliebt ist wie bei den Politikern.
          Mich würde interessieren was bei rauskommt wenn man das Volk befragt.

          Unten ging kein Kommentar mehr!!!!

        • klean

          Sorry, schwer OT an fischi:
          Unten ging kein Kommentar mehr!!!!
          Drei Verschachtelungsebenen reichen doch locker, sonst wird’s eng und unübersichtlich. ;)

  9. Sehr gute Artikel. Sehr schlecht Artikel aus the New York Times: Hagiografie zum Gauck.

  10. Hallo Jacob,
    ein sehr guter und fundierter Artikel!

    Gerade die Rolle Gauck, als Oppositioneller ist einer der Punkte, die hinterfragt werden müssen. Wie Du schon schriebst, war gauck nie ein Oppositioneller, sondern ein Bürgerrechtler der letzten Stunde, der rechtzeitig auf einen Zug sprang dessen Zielbahnhof feststand. Er reiht sich damit in eine lange Reihe Wendehälse ein, die wie Fett seitdem obben schwimmen.
    Das Schlimme ist, dass BILD und Co ihn feiern, als hätte er allein die Mauer niedergerissen, als hätte er wie einst Moses das (DDR) Volk aus der Tyrannei und Sklaverei befreit.
    Es ist zwar kein Verbrechen sich seine Vita zu schönen. Es ist aber charakterlich bedenklich, sich mit diesem gefälschten Lebensweg zu gfefallen. Das ist sicher einer der Gründe, warum gerade in ostdeutschland, die Zustimmung für Gauck eben nicht wie erwünscht erdrutschartig ist.

    Ein Kandidat, der mit soviel Vorschußlorbeeren von BILD und Co gepusht wird, der so perfekt vermarktet wird….bei so einem Kandidaten lohnt Recherche allemal. Und das ist die Aufgabe der “Netzwelt”.

    Gruss Goeran

  11. Mit dem Internet wurde ein Forum geschaffen, das eine Meinungsbildung auch jenseits des mainstreams einer von wem auch immer gesteuerten Beinflussung der “öffentlichen Meinung” erlaubt. Der Wille zum steten Eingriff auf Seiten der sogenannten Eliten ist latent. Ich habe mich in den vergangenen Jahrzehnten davon überzeugen können, dass diejenigen, die den Niedergang der “Qualitäts-Presse” in Deutschland verfolgen konnten, immer mehr ins Internet auswichen. Die Demokratie braucht diesen Gegenpol, der zur korrekten Ausrichtung der Kompass-Nadel dient. Danke für die bisherige Arbeit, Jay-Jay!
    Und Friedrich Schiller soll NICHT Recht behalten: “Der Feigen waren mehr, denn der Streitbaren, der Dummen waren mehr, denn der Klugen – Mehrheit setzte sich durch.” (Die Verschwörung des Fiesco zu Genua II, 5 / Fiesco – 1784).

    • Peter Petereit

      Leider sind der Dummen immer noch mehr, als die Klugen. Potentielle “Phönix-Konsumenten” wie ich mußten heute bis nach 17.00 Uhr warten, um halbwegs Vernünftiges (beschnitten) sehen/hören zu können. Im ÖR sind der Feigen mehr, als uns gut tut. “Frontal 21″ habe ich gestern schon für meine Meinungsbildung endgültig abgeschrieben…

  12. Graf Zahl

    Alles sehr schön zusammengefasst. Bei der derzeitigen Diskussion wünsche ich mir nichts sehnlicher, als das die Linken noch einen Kandidaten oder eine Kandidatin aus dem Hut zaubern, so dass noch lange nicht von einem designierten BP Gauck gesprochen werden kann. Georg Schramm wäre kein geeigneter Bundespräsident, da bei dieser Aufgabe sein Herz nicht singen würde. Die Bretter der Bühne, das ist seine Welt und das ist gut so. Wie sähe es denn mit einer Kandidatur von Sahra Wagenknecht aus? Sie ist gebildet, wie ich finde sehr representativ und meine Stimme bekäme sie, wenn ich in der Bundesversammlung säße ;-). Hätte sie die Chance, mehr als einen Achtungserfolg zu bekommen und darüber hinaus der Bundesversammlung anzuzeigen, dass der Wind der “Netzgemeinde” anfängt, sehr deutlich von links zu wehen? Ich bin sehr gespannt, ob wie angekündigt am morgigen Donnerstag jemand für eine Kandidatur vorgeschlagen wird.

    • Peter Petereit

      Sahra wäre die Kanzlerin meines Herzens, nicht aber die “Grüßaugustine” meines Herzens.
      Doch, leider ist die Netzgemeinde in der sogennannten Bundesversammlung weder direkt anwesend, geschweige denn stimmberechtigt.
      Der “Gau…” ist vorprogrammiert und wird stattfinden.
      Die “Bluthunde” heißen diesmal Gabriel, Trittin und Rösler…
      Ein “Noske” für uns wird sich schon noch finden…

      • K.S.

        Wie werden sich nicht ändern – trotzdem habe ich ihnen heute eine “flammende” geschrieben. Müßten vielleicht viel machen bis deren PC abstürzt.

        • K.S.

          Sorry, irgendwas stimmt nicht mit meinem PC oder so. Es soll heißen: “flammende mail” und ” wir werden sie nicht ändern. Müßten vielleicht viele machen. /Die Tastatur verschluckt manche Buchstaben oder ich bin zu schnell.

    • Pterry

      lese gerade, dass bei den Linken Beate Klarsfeld im Gespräch ist (nachdem Schramm schon abgelehnt hat)

      • K.S.

        Das wäre unklug, finde ich. Sie ist zwar gut – wird dann nur von den Linken gewählt und ich hätte doch gewünscht, dass sie eine Person vorschlagen, die auch für andere wählbar ist.

  13. wenn der Herr Gauck doch der Präsident der Herzen ist, wieso benötigte man dann erst den Zwischenkandidaten Herrn Wulff. Verstehe ich nicht. Das dieser Gauck überhaupt existiert, weiss ich erst jetzt, da er der Präsident der Herzen ist. Ich betone aber an dieser Stelle, dass ich mich im Personalwesen auch nicht besonders gut auskenne. Ich weiss nicht, was ich von Herrn Gauck halten soll. Er ist mir eher unsympathisch und das ist ein reines Bauchgefühl. Vielleicht ist es sein teilweise verkniffener Gesichtsausdruck, das sich zwischendurch mit einem aufgesetztem Lachen abwechselt. Mehr Beurteilungskriterien stehen mir persönlich nicht zur Verfügung. Irgendwie sagt mir mein Bauch, dass die nächste Affäre eine Gauck-Affäre sein könnte. Der Mann scheint ja echtes Potential zu haben.

  14. Det70

    Wegen seiner nicht vorhandenen “Qualifikationen” als Dissident, Widerständler, Oppositioneller, etc. nennt man den Herren auch den “Trittbrett-Pfarrer”.

  15. Pingback: Kritik und Aussagen von und zu Joachim Gauck - Seite 6 - DIGITAL FERNSEHEN - Forum

  16. OMJ

    “[...] Er verkörpert – und da werden sich im Prinzip noch viele in der SPD und bei den Grünen fragen [sic!], was sie für einen tollen Bundespräsidenten haben, der für die Freiheit und für die Verantwortung ist, der gegen einen übermächtigen Staat ist, der gegen eine weitere übermächtige Austonung sozusagen des Sozialstaats zu Lasten der Verantwortung ist, der für Thilo Sarrazin auch ein gutes Wort gefunden hat, der, meine Damen und Herren, gegen die Türkei ist in der Europäischen Union… Ja, was soll ich denn eigentlich gegen den Mann einwenden? Das ist doch unsere Position!
    [...] Ich bin ja gespannt – nämlich der neue Bundespräsident steht zu Hartz IV! – ich bin ja mal gespannt, was die, die eigentlich gegen Hartz IV sind, zu diesem Bundespräsidenten dann tun werden. Also eine hochinteressante Sache und so, wie’s jetzt gelaufen ist, ist es in Ordnung, meine Damen und Herren!”
    (Edmund Stoiber heute in seiner Rede zum politischen Aschermittwoch der CSU über den “Bundespräsidenten in spe” Joachim Gauck)

    • Peter Petereit

      Einfach nur typisch. Seltsamerweise erntet dieser geistige Tiefflieger Applaus ohne Ende bei Denen, die gerne für sich denken lassen, solange der “Rubel” rollt…

  17. ceronimus

    Chapeau, Jacob Jung. Feinsinniger hätte man diesen Artikel nicht schreiben können.

  18. Interessant ist auch, wer sich für Gauck begeistert:
    Sarrazin überschüttet Gauck mit Lob: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,816683,00.html
    Joachim Gauck wird ein guter Bundespräsident: http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M5c10f5c9c01.0.html

    Zeige mir Deine Freunde und ich sage Dir, wer Du bist …

    Vielleicht distanziert er sich ja noch von diesen “Freunden” – die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt

  19. CharlysFinger

    Nach zwei Versuchen bei Spiegel-online meine persönliche Meinung im Forum abzulegen, möchte ich es nun mal hier Versuchen.
    Es war mir natürlich die Mühe wert,, die Pressefreiheit von Spiegel-Olala zu testen. Na, hier wird mit einem spezial Filter gearbeitet. Negative Ossimeinung gegen Gauck – gestrichen!
    Ist das doch enttäuschend für solch großes Blatt, was im Rundumschlag mediale Hinrichtungen vollführte … ausgerechnet vor meiner kleinen Meinung Angst vor Veröffentlichung zu haben.
    Und zweimal vom Topf geworfen zu werden heißt natürlich auch: NIE wieder, einen Cent für dieses Filterblatt von mir. Besser noch: In diesen unfreien Spiegel kann schauen wer will. Ich nie wieder! Zum Thema und mein weggefilterte Text:
    Der Vorwurf Gauck sei ein Günstling der Stasi gewesen, wird vermutlich von der Mehrheit aus dem Osten – besser Mitteldeutschland – geglaubt. Denn Ausreiseprivilegien hatte auf keinen Fall jeder Pfarrer noch Bürger. Verwandtenbesuche (mit Einschränkungen) gab es schon Jahre vor dem Ende der DDR für „alle“ Bürger. Aber auf keinem Fall zu Kindern, die der DDR den Rücken kehrten, egal ob als Flüchtling, ausgewiesene Bürger oder als „Ausreisewillige Bürger“. Logischerweise (Ostdenken) hat auch ein Herr Gauck das erschleimte Reiseprivileg nicht für die ersten Demos im Osten auf das Spiel gesetzt. Also schon nichts mit Freiheitskämpfer. Sondern im Rückblick: Ein Schleimer, marktwirtschaftlich besser gesagt: ein Gekaufter der Stasi!
    Alleine das verbietet seine Kandidatur als BP, einem jeden Ostbürger gegenüber!
    Die Entscheidung, nach einer verlorenen Kandidatur nochmals anzutreten … na, das ist wohl sein Charakter. Wie oft wird er bei der Stasi sich angeboten haben? Einmal, zweimal, dreimal?
    Seine wiedergegebenen Äußerungen in den letzten Jahren, die sicher nur Zitate sind, die wiederum nur aus dem Zusammenhalt gerissen sind, kann man sich im Internet suchen und lesen.
    Für mich ist dabei seine Interpretation nicht einladend ihn auf den Posten des BP zu wählen. Vergessen wir nicht dabei, das was man bisher veröffentlicht hat, ist wie immer nur die Spitze des Eisberges. Was hat er noch für Leichen im Keller?
    Wer glaubt, er wird das Politische Bild für Deutschland verbessern, (meine Meinung) täuscht sich. Schon jetzt steht fest, dass er treu und brav, so wie er das im Osten lernte, …unterschreiben und Belohnung kassieren.
    Gebrachte Leistung vor der Wende? Zum Beispiel: „… dass das MfS (Stasi) einen echten positiven Beitrag zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einbringen wird.“ … zeigen seine spezielle Marke an Charaktereigenschaft.
    Dessen Brot ich ess‘, dessen Lied ich sing. – Armes Deutschland! Was kommt auf uns zu.
    Er als Vorbild? Für wen? FürPolitiker? Die sind schon zu 90% in diesem Wasser gebadet.
    Für das Volk? Gott sei Dank nicht. So schmierig ist die Mehrheit der Deutschen nicht, da viele Bürger in Ost und West mehr Charakter haben, als ein Herr Gauck der sich vom Wendehals zum Stehaufmännchen entwickelt hat.
    Herr Gauck lehnen sie ihre Kandidatur ab – so wie es anerkannte Politiker vor ihnen taten. (Sogar Fischer hat mehr Weitblick bewiesen) Mit ihnen kommen wir vom Regen in die Jauche!!!
    Die Deutschen in Ost und West, in Nord und Süd auch die Migranten haben sie wirklich nicht verdient.!?!

  20. Peter Petereit

    JJ, Lobhudeln will ich nicht. Aber ganz, ganz große Klasse. LG: PP

  21. klean

    Falls es jemanden interessieren sollte – Netzfund: Der Bericht aus der damaligen nicht-onlinigen Welt, April 1991, Stichwort Terpe-Dossier/Papier komplett. (Nun, die Leser meines Kommentars, die es bis hierhin geschafft haben, werden schon damit etwas anzufangen wissen.)

    • fischi

      Man beachte vor allem das Datum.
      Da hat der Herr Bürgerrechtskämpfer ziemlich spät seine Meinung geändert.
      Der größte Antikommunist ist doch nichts weiter als der größte Wendehals.
      Wenn man nichts besseres als Bundespräsident aufbieten kann ist es besser den Posten den die Welt nicht braucht abzuschaffen.

  22. Sehr guter und interessanter Artikel. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang übrigens ebenfalls die heutige Aussage Klaus Ernsts, dass in Berlin hinter vorgehaltener Hand (ich meine bei SPD und Grünen, konnte es aber im TV nicht genau verstehen) schon gar nicht mehr so positiv über Gauck gesprochen wird. Naja, wahrscheinlich gilt Gauck mittlerweile einfach als “alternativlos”…

    Den Begriff der “Netzgemeinde” finde ich übrigens seit langem sehr nervig. Ich will weder als Blogger, noch sonst als täglicher Nutzer verschiedenster Bereiche des Internets mit der unkritischen Masse oder Nazis und vielen anderen in einen Topf geworfen werden. Darüber hinaus hat dieser Begriff auch immer etwas despektierliches. So nach dem Motto: da sind halt ein paar Schmierfinken, die man aber sowieso nicht sonderlich ernst nehmen muss.

    Wenn ich aber den in einem Kommentar verlinkten unkritischen und oberflächlichen Artikel aus der New York Times lese und danach diesen hervorragenden von Jacob, dann gehöre ich doch schon wiederum gerne zu den Schmierfinken…

    • K.S.

      Ich finde diesen Begriff nicht anstößig. Wenn ich so meinen Gang durch die Gemeinde mache heisst das, ich gehe einkaufen, treffe Leute, die ich kenne, ein kleines Schwätzchen.Und wenn mein Kater nach draußen will, macht der auch immer seinen kleinen Gang durch die Gemeinde, mal gucken, ob noch alles in Ordnung ist.

      Diese große Netzgemeinde – die sich nun mit Gauck schon wieder auseinandersetzt hat einen großen Vorteil anderen gegenüber, die sich nicht so oft im “Netz” befinden oder nur auf Heimatzeitung und Nachrichten angewiesen sind, dass sie besser informiert sind und diese Informationen, die ein Blogger, Forist oder Blogschreiber, irgendwo gefunden hat, sofort mit Quelle weiter gibt. Dann wird der Schneeball zur Lawine. Viele sind besser informiert und dürfen schreiben was sie wollen und nicht wie sie sollen.

      Also Jakob. Ist doch auch dein persönliches Anliegen, Gegenöffentlichkeit herzustellen und das ärgert die Print – und onlinemedien, wenn sie funktioniert. Im Grunde ein Lob.

      • Anstößig nicht, aber ich mag ihn einfach nicht. Warum, habe ich ja erklärt. Von der Gemeinde, durch die Sie spazieren gehen, hat außerdem jeder eine mehr oder weniger klare Vorstellung. Bei “Netzgemeinde” sieht es anders aus.

  23. Selbst dem verklärten “Bürgerrechtler” Gauck müsste doch klar sein, dass die Hetzjagt gegen seinen Vorgänger ebenso wie seine eigene Verherrlichung von Machtinteressen gesteuert sind, die Merkels Plutokratische Politik stützen wollen.
    Der Verdacht liegt nahe, dass Wulff aus zwei Gründen gehen musste: a) wegen seiner Haltung zur Erweiterung des Europäischen Rettungsschirms und b) wegen seines Bestrebens zur Annäherung an muslimische geprägte Staaten. Interessanterweise wird Wulff nun durch jemanden ersetzt, der immer noch glaubt, dass das kapilistische Modell des “ewigen” Wachstums auf Kosten der Schwachen der Weisheit letzter Schluss sei und der den Krieg in den arabischen Staaten befürwortet und mit denselben platten und populistischen Motiven rechtfertigt, die wir von anderer Stelle zur Genüge kennen, statt zu reflektieren und zu differenzieren, wie er es zum Beispiel in Bezug auf die Bedürftnisse des Bund der Vertriebenen tut.
    Gauck, der doch so “gekonnt” differenziert, kann nicht so dumm und ignorant sein, die Absicht hinter dem Schauspiel nicht zu erkennen, was für mich den Schluss zulässt, dass er selbst nicht nur Teil dieses Spiel ist, sondern einer der Autoren.

  24. Die DDR mit Nazideutschland gleichtzusetzen ist empörend. Erstens hat die DDR keine Vernichtungslager zu verantworten. Zweitens hat die DDR keinen totalen Krieg gegen den Rest der Welt angezettelt.
    Mit einem solchen Präsidenten sind internationale Fettnäpfchen vorprogrammiert. Ich freue mich auf seine ersten Auslandsbesuche. Vielleicht sollte die deutsche „Netzgemeinde“ die anderen „Netzgemeinden“ schonmal vorwarnen. Überhaupt ist diese ominöse „Netzgemeinde“ den etablierten Powerbrokern ein Dorn im Auge, weil sie sich ihrer Kontrolle entzieht. Wer sich alleine auf sog. Qualitätsmedien verlässt, verpasst wichtige Information, wie etwa der stetige Verlust von Bürgerrechten weltweit:
    http://jacobjung.wordpress.com/2012/01/10/ndaa-grundstein-fur-militardiktatur-in-den-usa/
    http://wildezeiten.wordpress.com/2012/01/03/medien-versagen/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s