Mathematikstunde mit Ursula von der Leyen: Die deutsche Arbeitslosenstatistik

31.03.2011- Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für den März 2011 zeigen einen Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland und weisen eine Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent aus. Was aber versteht man im Sinne der Agentur und des Ministeriums von Ursula von der Leyen unter Arbeitslosigkeit und welche Bereiche bleiben dabei unberücksichtigt? Eine kleine Aufklärungsschrift zur Lesart der Monatsberichte der Bundesagentur für Arbeit.

Eines vorweg: Die folgenden Ausführungen sind nicht ganz unkompliziert. Es lohnt sich aber dennoch, die einzelnen Definitionen und deren konkrete Zahlen nachzuvollziehen. Sie zeigen die Abweichung zwischen den offiziellen Arbeitslosenzahlen in Deutschland und der Anzahl an Menschen, die tatsächlich unter einem Beschäftigungsproblem leiden.

Grundsätzlich unterscheidet die Bundesagentur in ihren Berichten zwischen der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung. Zusätzlich sind beide Bereiche noch einmal unterteilt. Die Arbeitslosigkeit teilt sich in die Kategorien „Arbeitslosigkeit“ und „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne“, die Unterbeschäftigung wird in „Unterbeschäftigung im engeren Sinne“ und in „Unterbeschäftigung“ geteilt. Zusammen ergeben sich also vier statistische Gruppen, bei denen die offizielle Arbeitslosenquote lediglich auf einer Gruppe basiert.

Vereinfacht: Die Bundesagentur für Arbeit hat die Gesamtheit aller Personen, die in Deutschland unter einem Beschäftigungsproblem leiden in vier Kategorien geteilt. Die offizielle Arbeitslosenquote bezieht sich dabei nur auf eine dieser Kategorien und berücksichtigt die anderen drei Gruppen nicht.

Betrachten wir also die vier verschiedenen Kategorien von Beschäftigungsproblemen am Arbeitsmarkt in Deutschland und die hierauf jeweils entfallenen Bevölkerungszahlen. Alle angeführten Daten entstammen dem Monatsbericht März 2011 der Bundesagentur für Arbeit.

1. Arbeitslosigkeit

Auf dieser Gruppe basiert die Festlegung der aktuellen Arbeitslosenquote. Hierunter fallen Personen, die beschäftigungslos sind, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und die sich auf Arbeitssuche befinden. Neben diesen drei Kriterien dürfen die Angehörigen der Gruppe „Arbeitslosigkeit“ aktuell nicht an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnehmen.

Unter diese Definition fallen im März 2011 insgesamt 3,21 Millionen Menschen. Dies ergibt eine Quote von 7,6 Prozent und entspricht damit der offiziell veröffentlichen Arbeitslosenquote in Deutschland.

2. Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne

Hierunter versteht man zum einen die Personen, die unter die Kategorie „Arbeitslosigkeit“ fallen und zusätzlich diejenigen Menschen, die sich entweder aktuell in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme befinden oder die das 58. Lebensjahr vollendet haben und denen seit mindestens einem Jahr keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten wurde.

Unter diese Definition fallen im März 2011 insgesamt 3,483 Millionen Menschen. Um zu dieser Gruppe gezählt zu werden, muss man in jedem Fall die Kriterien der Kategorie 1 erfüllen. Man muss also beschäftigungslos sein, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und sich aktuell auf Arbeitssuche befinden. Zieht man von dieser Zahl die Arbeitslosen der Kategorie 1 ab, dann verbleiben 273.000 Personen, von denen der größte Teil nur deshalb nicht als arbeitslos betrachtet wird, weil die Betroffenen bereits das 58. Lebensjahr überschritten haben.

Bezieht man diese zweite Kategorie in die Arbeitslosenquote ein, so beläuft sich diese statt der offiziellen 7,6 Prozent  auf 8,25 Prozent.

3. Unterbeschäftigung im engeren Sinne

Hierzu zählen zunächst alle Betroffenen nach Kategorie 2, also derzeit bereits 3,483 Millionen Menschen. Hinzu kommen nun diejenigen Personen, die dem Arbeitsmarkt durch eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme aktuell nicht zur Verfügung stehen. Es handelt sich also um Personen, die zur Zeit der Erhebung an einer entsprechenden Maßnahme (z.B. Bewerbungstraining, Fortbildung, etc.) teilgenommen haben und um Personen, die zeitweise arbeitsunfähig sind.

Der aktuelle Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit beziffert die Personengruppe, die unter einer Unterbeschäftigung im engeren Sinne leidet für den März mit insgesamt 3,935 Millionen. Umgerechnet in eine Arbeitslosenquote entspricht dies einem Wert in Höhe von 9,32 Prozent.

4. Unterbeschäftigung

Die Kategorie Unterbeschäftigung enthält zusätzlich zu den Personen aus den Kategorien 1 bis 3 Betroffene in Altersteilzeit oder Personen, die sich in geförderter Selbständigkeit befinden. Insgesamt beläuft sich die Anzahl der Menschen in dieser Kategorie auf 4,162 Millionen.

Umgerechnet in eine Arbeitslosenquote entspricht dies einem Wert in Höhe von 9,85 Prozent.

Kurzarbeit

Die Anzahl der Kurzarbeiter in Deutschland wird in den genannten vier Kategorien nicht berücksichtigt. Problematisch in diesem Zusammenhang ist, dass die Bundesagentur für Arbeit die Anzahl an Kurzarbeitern mit einem großen zeitlichen Verzug veröffentlicht. So enthält der Monatsbericht für den März 2011 die Anzahl an Kurzarbeitern für den September 2010. Zu diesem Zeitpunkt waren 237.342 Menschen in Kurzarbeit beschäftigt.

Statistik vs. Realität

Der Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit umfasst im März 2011 insgesamt 80 Seiten und kann unter diesem Link herunter geladen werden. Der Bericht enthält, wenn auch in Form kryptischer Tabellen und komplizierter Definitionen, sämtliche Werte, auf denen dieser Beitrag basiert.

Die offizielle Presseerklärung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom heutigen Tage beziffert ausschließlich die „reine“ Arbeitslosenquote, die sich aus der Kategorie 1 ergibt mit 7,6 Prozent und äußert sich weder zu den konkreten Zahlen der „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne“ noch zum Ausmaß der Unterbeschäftigung in Deutschland.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Sozialpolitik

6 Antworten zu “Mathematikstunde mit Ursula von der Leyen: Die deutsche Arbeitslosenstatistik

  1. TanteD

    DANKE bin gerade darüber gestolpert! Tierisch Genial!!!! Danke danke danke!

  2. Pingback: UK Riots: Mit Kürzungen, Internet-Sperren und Gewalt gegen soziale Ungerechtigkeit « Politik Blog von Jacob Jung

  3. Pingback: Jacob Jung: Jahresrückblick 2011 | Jacob Jung Blog

  4. Pingback: Jacob Jung: Jahresrückblick 2011 | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

  5. sehr gut dargestellt. danke und „“bravo““ !!!

    kompliziert finde ich es nicht wirklich. frage mich lediglich weshalb wohl die mainstreammedien sich der themenstellung nicht wirklich annehmen. wobei ich mich nicht wirklich frage …
    augenwischerei wohin man schaut. schönreden wohin man hört. die wirkliche wahrheit; wer will sie wirklich vernehmen. es würde ja seine träume von der ach so glorreichen lage der nation (zer)stören.

  6. Anonymous

    (2) nicht in die Definition von Arbeitslosigkeit zu zählen, ist tatsächlich ein fragwürdiger Vorgang, aber (3) und (4) würde ich von meinem Gefühl her nicht als „arbeitslos“ zählen.

    Die Frage, die sich daraufhin natürlich aufdrängt: seit wann ist dem so? Ist das eine Eingebung der aktuellen Regierung gewesen oder einer früheren?

    Welt sagt, die große Koalition ist schuld (http://www.welt.de/wirtschaft/article13790103/Bundesregierung-trickst-bei-der-Zahl-der-Arbeitslosen.html).

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