Alle 6 Jahre ein ernster Atomunfall: Ein akzeptables Restrisiko?

04.04.2011 – Seit der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima wird weltweit und insbesondere in Deutschland über die Sicherheit der Kernenergie gesprochen. In der Diskussion steht die Einschätzung des Restrisikos im Mittelpunkt. Doch was fehlt ist die Information, dass sich seit 1945 bereits mehr als 30 atomare Unfälle ereignet haben.

Warum eigentlich „Restrisiko“?

In der Beurteilung von kerntechnischen Anlagen beschreibt der Begriff „Risiko“ die Einschätzung der Eintrittwahrscheinlichkeit und der Folgen von Störfällen und Unfällen. In der deutschen Atomdebatte wurde früh der Begriff „Restrisiko“ geprägt. Der Wortteil „Rest“ soll ein besonders kleines Risiko suggerieren. Eine wissenschaftliche Bedeutung hat das Wort Restrisiko dabei nicht.

Allerdings wurde er durch das deutsche Verfassungsgericht in seinem so genannten „Kalkar-Urteil“ vom August 1978 verwendet. Die obersten Richter waren der Auffassung, dass die Bevölkerung mit der Nutzung der Atomenergie ein „Restrisiko“ als sozialadäquate Last zu tragen habe. Gemeint war hiermit ein rein hypothetisches Risiko, das nach dem Stand der Wissenschaft unbekannt aber nicht auszuschließen sei.

Das wissenschaftlich unbekannte Risiko

In dem damaligen Verfahren ging es um die Frage, ob das Grundrecht der Bevölkerung auf körperlich Unversehrtheit durch die Genehmigung von atomaren Anlagen in Deutschland verletzt würde.

Das Gericht begründete seine damalige Zustimmung zum Betrieb atomarer Anlagen unter anderem damit, dass eine strengere Auslegung der Grundrechtsgefährdung die staatliche Zulassung der Nutzung von Technik grundsätzlich verhindern könnte. Es verwies darauf, dass die Abschätzung möglicher Risiken anhand der praktischen Vernunft erfolgen müsse und urteilte, dass die Risiken der Atomenergie jenseits der Schwelle der praktischen Vernunft liegen würden.

Hierzu im Wortlaut: „ Ungewissheiten jenseits dieser Schwelle praktischer Vernunft sind unentrinnbar und insofern als sozialadäquate Lasten von allen Bürgern zu tragen.“

Mit anderen Worten: Die Risiken der Nutzung von Atomenergie sind so gering, das die Bürger sie in Kauf nehmen müssen.

Gemeldete atomare Unfälle seit 1945

Atomare Störfälle und Unfälle müssen weltweit den jeweils zuständigen Atombehörden gemeldet werden. Die Konzentration auf die bislang registrierten „schweren“ oder sogar „katastrophalen“ Unfälle (hier vor allem Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011)) verstellt den Blick auf diejenigen Vorfälle, die weniger in die öffentliche Aufmerksamkeit gerieten.

Seit 1945 zählten die Atombehörden insgesamt mehr als 30 Unfälle, die sich im Zusammenhang mit der Herstellung von Atomwaffen, in Forschungsreaktoren, in Kernkraftwerken oder bei der militärischen oder medizinischen Nutzung von Atomtechnik ereignet haben.

Anfang der 90er Jahre führte eine internationale Expertengruppe eine Skala zur Bewertung von nuklearen Ereignissen ein, die unter der Abkürzung INES bekannt ist.

INES: International Nuclear Event Scale

Die Abkürzung INES steht für International Nuclear Event Scale, übersetzt also soviel wie „Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse“.

Die Skala basiert auf insgesamt acht Stufen, die mit den Ziffern 0 bis 7 bezeichnet sind. Die Ziffer 0 steht hierbei für ein Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung. Die Ziffern 1 bis 3 bezeichnen so genannte Störfälle, während die Ziffern 4 bis 7 zur Klassifizierung atomarer Unfälle eingesetzt werden.

Hierbei steht INES 4 für einen „Unfall“, INES 5 für einen „ernsten Unfall“, INES 6 für einen „schweren Unfall“ und INES 7 für einen „katastrophalen Unfall“. Der zugrunde liegende Maßstab ist dabei logarithmisch aufgebaut: Der Übergang von einer Stufe zur nächsten bedeutet jeweils einen zehn Mal so großen Schweregrad.

Die Problematik einer objektiven Bewertung nach INES

Eine Schwierigkeit bei der Klassifizierung nach INES besteht darin, dass hier die Einschätzungen der Kraftwerksbetreiber, der zuständigen Atomaufsichtsbehörden und der unabhängigen Wissenschaftler und Experten oft voneinander abweichen.

Das liegt unter anderem daran, dass die Skala drei verschiedene Auswirkungen eines nuklearen Ereignisses bewertet:

  • Auswirkung auf Menschen und Umgebung
  • Auswirkung auf radiologische Barrieren und die Kontrolle
  • Auswirkung auf Sicherheitsbarrieren

Da bei einem atomaren Unfall die Auswirkungen in der atomaren Anlage selber zunächst nur für den Betreiber feststellbar sind, sind Atombehörden und Wissenschaftler hier auf die transparente und wahrheitsgemäße Berichterstattung der Betreiber angewiesen.

Gerade in Bezug auf die Unfälle in Tschernobyl und Fukushima konnte und kann man feststellen, dass Berichte über tatsächliche Auswirkungen und konkrete Messergebnisse zurückgehalten oder dauerhaft verheimlicht werden. In diesem Fall bleibt Atomaufsichtsbehörden und unabhängigen Experten nur die Interpretation von sichtbaren Folgen eines atomaren Unfalls und die Auswertung von Messergebnissen, die in größeren Entfernungen zum betroffenen Reaktor ermittelt wurden.

Am Beispiel Fukushima werden die Folgen dieser Einschränkungen anhand der Einstufung nach INES besonders deutlich:

Die japanische Atombehörde hat den Unfall bisher mit INES 5 bewertet, während die französische und die US-amerikanische Atomaufsichtsbehörde den Vorfall mit INES 6 einstufen. Viele Wissenschaftler haben sich allerdings bereits dafür ausgesprochen, dass Fukushima INES 7 entspricht. Eine abschließende Beurteilung steht hier noch aus.

28 atomare Unfälle seit 1954

Als Beginn der weltweiten Energieerzeugung per Kernkraft gilt die Inbetriebnahme des russischen Reaktors in Obninsk im Jahre 1954.

Seit 1954 wurden weltweit 28 atomare Unfälle gemeldet, die nach INES mit einem Wert von mindestens 4 klassifiziert wurden. 18 dieser Unfälle standen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Kernenergie, betrafen also entweder die Herstellung von Brennelementen (zwei Unfälle), deren Wiederaufbereitung (zwei Unfälle) oder den Reaktorbetrieb selber (14 Unfälle).

Die übrigen zehn Unfälle ereigneten sich entweder in Forschungsreaktoren (fünf Unfälle), bei der Herstellung von Atomwaffen (zwei Unfälle) oder im Zusammenhang mit Atom-U-Booten, mit der chemischen Industrie oder mit der medizinischen Nutzung von Atomtechnik (jeweils ein Unfall).

Von den 18 gemeldeten Unfällen, die sich im direkten Zusammenhang mit der Kernenergie ereignet haben wurden acht Unfälle mit INES 4 bewertet. Weitere sechs Unfälle entsprachen INES 5. Drei Unfälle erhielten die INES Einstufung 6 (Simi Valley (USA, 1959), Kyschtym Majak (Russland, 1957) und Fukushima (Japan, 2011)). Das Reaktorunglück in Tschernobyl (1986) wurde mit INES 7 bewertet.

In den 57 Jahren der Nutzung von Kernenergie haben sich also weltweit insgesamt zehn atomare Unfälle ereignet, die nach INES mindestens mit der Stufe 5 („ernster Unfall“) bewertet wurden.

Kernenergie weltweit: Alle 6 Jahre ein ernster Unfall

Statistisch betrachtet kommt es also alle 5,7 Jahre im Zusammenhang mit der Kernenergie zu einem Unfall, der mindestens als „ernst“ eingestuft wird.

Alle 14,25 Jahre ereignet sich ein Unfall, der mindestens als „schwer“ klassifiziert wird.

Wenn innerhalb der Atomdebatte schon mit dem Begriff des „Restrisikos“ operiert wird, dann sollten wenigstens die Fakten in Bezug auf weltweite Unfälle im Zusammenhang mit der Kernenergie genannt werden.

Das Bundesverfassungsgericht hat sich in seinem Kalkar-Urteil von 1978 auf ein hypothetisches Risiko bezogen, das der Wissenschaft zwar unbekannt allerdings nicht generell auszuschließen ist.

Angesichts der angeführten Fakten kann nicht davon gesprochen werden, dass die Risiken in der Nutzung von Kernenergie wissenschaftlich unbekannt sind.

Es stellt sich von daher die dringende Frage, ob die Rechtsposition der BRD, hier insbesondere in Bezug auf die Vereinbarkeit von Atomenergie mit dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit, einer Neubewertung unterzogen werden muss.

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Eingeordnet unter Atompolitik, Politik

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