Ist der Muttertag eigentlich politisch korrekt? Eine kleine Feiertagsgeschichte zum 8. Mai 2011

Wenn ich früher auf die Vorwürfe meiner Mutter, den Muttertag mal wieder vergessen zu haben entgegnete: „Das ist doch ein Nazi-Feiertag, so was feiern wir nicht!“, dann war das eine reine Schutzbehauptung.

Da die Behauptung aber so ungemein wirksam war, habe ich es immer unterlassen, sie zu überprüfen. Heute hole ich das nach.


Ann Maria Reeves Jarvis

Die Tradition der Ehrung der Mütter geht auf zwei Amerikanerinnen zurück. Ann Maria Reeves Jarvis (1832 – 1905) hatte bereits 1858 die „Mothers Days Works Clubs“ gegründet, deren erklärtes Ziel darin bestand, Arbeiterfamilien mit Medikamenten und Haushaltshilfen zu unterstützen und so der hohen Kindersterblichkeit entgegenzuwirken.

Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) weitete Ann Maria Reeves Jarvis ihr Engagement aus und organisierte „Mother´s Friendship Days“, um sowohl die Verwundeten der Nord- als auch der Südstaaten zu versorgen. In der Nachkriegszeit veranstaltete sie ab 1865 Sitzungen von Soldatenmüttern beider Kriegsparteien und setzte sich für die Begründung eines Muttertags ein, der unter dem Zeichen von Pazifismus und Sozialdienst stehen sollte.

Julia Ward Howe

Fast gleichzeitig kämpfte auch Julia Ward Howe (1819 – 1910) für einen politisch ambitionierten Ehrentag aller Mütter. 1870 forderte die bekannte Führerin der amerikanischen Frauenrechtspartei in ihrer „Mother´s Day Proclamation“ die Einführung eines Muttertags, der in ihrer Vorstellung ein Protesttag gegen den Krieg sein sollte.

Die Tochter von Ann Maria Reeves Jarvis, Anna Marie Jarvis, setzte das Engagement ihrer Mutter nach deren Tod fort. Am 12. Mai 1907 organisierte sie einen Gedenkgottesdienst zu Ehren ihrer Mutter und kämpfte fortan für die Einführung eines „Tages der Mutter“. In den USA erfolgte dessen Anerkennung als offizieller Feiertag im Jahre 1914.

Am 8. Mai 1914 verabschiedete der US-Kongress die „Joint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother’s Day“ und führte den Muttertag damit als nationalen Feiertag ein. Als Anna Maria Jarvis allerdings feststellte, dass mit der zunehmenden Verbreitung des Muttertags vor allem dessen Kommerzialisierung in den Vordergrund trat, distanzierte sie sich von ihrer eigenen Bewegung und kämpfte stattdessen erfolglos für eine Abschaffung des Feiertags.

Das US-amerikanische Modell vom Ehrentag der Mutter verbreitete sich rasch über die gesamte westliche Welt. In Deutschland setzte sich der Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber ab 1922 für dessen Einführung ein und warb mit Plakaten „Ehret die Mutter“ in den Schaufenstern seiner Verbandsmitglieder um Blumenkäufer. Die Bemühungen des deutschen Verbandes, den Muttertag als offiziellen Feiertag einzuführen, blieben allerdings zunächst fruchtlos.

Mutterkreuz Stufe 1

Erst 1933 proklamierten die Nazis den „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“, der am 20. Mai 1934, gleichzeitig mit der Einführung des NS-Mütterdienstes, erstmalig begangen wurde. 1938 wurde zudem von Adolf Hitler das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter“ per Reichsverordnung gestiftet und am 21. Mai 1939 erstmalig verliehen. In der Präambel der Verordnung hieß es: „Als sichtbares Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter stifte ich das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter.“ Die erste Trägerin war Louise Weidenfeller aus München, Mutter von acht Kindern.

Verleihung des Ehrenkreuzes der deutschen Mutter

Drei Voraussetzungen mussten vorgeschlagene Mütter damals erfüllen, um das Ehrenkreuz erhalten zu können: Sie musste erstens „deutschblütig“ und zweitens „sittlich einwandfrei“ sein. Drittens mussten ihre Kinder lebend geboren worden sein. Je nach Anzahl der Kinder erfolgte die Verleihung des Ehrenkreuzes in drei Stufen: Mütter von vier oder fünf Kindern erhielten das Ehrenkreuz der dritten Stufe, Mütter von sechs oder sieben Kindern das Abzeichen der zweiten Stufe. Ab acht Kindern erfolgte die Verleihung des Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter mit Stufe eins.

In der Bundesrepublik wurde der Muttertag gesetzlich nicht verankert. Stattdessen handelt es sich bei der Festlegung des bis heute gültigen Datums für den nicht-gesetzlichen Feiertag um eine Übereinkunft verschiedener Wirtschaftsverbände.

Ursprünglich war der Muttertag also als Tag des Friedens, des Pazifismus und der Solidarität konzipiert worden. Die Verbreitung des Feiertags in den USA ging mit einer zunehmenden Kommerzialisierung einher, die von deutschen Blumenhändlern in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts interessiert aufgegriffen wurde. Zum gesetzlichen Feiertag wurde der Muttertag in Deutschland erst durch die Nazis erklärt, die den Tag ab 1939 zum Anlass für die Begründung ihres religiös anmutenden, völkischen Mutterkults nahmen, der in der Verleihung von geschätzten zehn Millionen Ehrenkreuzen der Deutschen Mutter gipfelte. Das Mutterkreuz darf in der BRD übrigens erst seit 1957 nicht mehr offiziell geführt werden.

Heute hat meine Mutter offiziell darauf verzichtet, am Muttertag geehrt zu werden.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Kultur, Politik

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