Der RSK-Bericht (Download) zur Reaktorsicherheit in Deutschland: Nichts Neues aber viel Beunruhigendes

17.05.2011 – Heute hat die Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) ihren Abschlussbericht zur anlagenspezifischen Sicherheitsüberprüfung deutscher Kernkraftwerke vorgelegt. Auf insgesamt 116 Seiten stellt die Kommission die Ergebnisse ihrer Ermittlungen unter Berücksichtigung der Reaktorkatastrophe in Fukushima vor.

Im Fazit der Erklärung heißt es unter anderem: „Die Bewertung der Kernkraftwerke bei den ausgesuchten Einwirkungen zeigt, dass abhängig von den betrachteten Themenfeldern über alle Anlagen kein durchgehendes Ergebnis in Abhängigkeit von Bauart, Alter der Anlage oder Generation auszuweisen ist.“ Mit anderen Worten: Die Sicherheitsstandards der 17 untersuchten Kraftwerke fallen, unabhängig von Alter, Bauart und Generation, sehr unterschiedlich aus.

PDF-Download: Der Bericht der Reaktor-Sicherheitskommission vom 17.05.2011

Der Bericht enthält keine Zusammenfassung der Ergebnisse in tabellarischer Form. Ob es sich hierbei um ein Versäumnis oder um Absicht handelt, kann man nicht feststellen. Um zu einer vergleichenden Aussage über die Sicherheitsstandards in den Kraftwerken zu gelangen, bleibt also nur der Weg durch die 116 Seiten des Dokuments.

Was wurde untersucht?

Am 17.03.2011 wurde die Reaktor-Sicherheitskommission durch das Bundesumweltministerium mit Folgendem beauftragt:

„Das Bundesumweltministerium hat am 17.03.2011 die Reaktor-Sicherheitskommission in ihrer 433. Sitzung aufgefordert, einen Anforderungskatalog für eine Sicherheitsüberprüfung der deutschen Kernkraftwerke zu erstellen und die Ergebnisse der auf dieser Basis durchgeführten Überprüfungen zu bewerten. Dabei sollen die Erkenntnisse aus dem Unfallablauf in Japan insbesondere im Hinblick darauf berücksichtigt werden, ob die bisherigen Auslegungsgrenzen richtig definiert sind und wie robust die deutschen Kernkraftwerke gegenüber auslegungsüberschreitenden Ereignissen sind.“

Konkret sollten also die Folgen verschiedener naturbedingter und zivilisatorisch bedingter Einwirkungen auf die Betriebssicherheit der 17 deutschen Kernkraftwerke untersucht werden. Darüber hinaus umfasste der Auftrag die Untersuchung von ereignisunabhängigen Vorfällen, die zu einer Sicherheitseinschränkung in den Atomkraftwerken führen können und die Auswirkungen terroristischer Angriffe auf kerntechnische Anlagen.

Im Rahmen der naturbedingten Einwirkungen konzentrierte sich die Arbeit der Kommission vor allem auf die Folgen von Erdbeben und Hochwasser. Zu den ereignisunabhängigen Szenarien zählten Stromausfälle und Ausfälle im Kühlsystem. Im Bereich der zivilisatorisch bedingten Vorfälle wurden Flugzeugabstürze von unterschiedlich großen Maschinen untersucht.

In Bezug auf terroristische Angriffe unterscheidet die Kommission zwischen direkten Angriffen auf Anlagen und Angriffen auf rechnerbasierte Steuerungen und Systeme.

Wie wurde bewertet?

Zu jedem der untersuchten Bereiche hat die Reaktor-Sicherheitskommission zunächst separates ein Bewertungssystem erarbeitet. Je nach Sicherheitsausstattung wurde jedem Kraftwerk in Bezug auf jedes Risiko ein Robustheits- oder Sicherheitslevel zugeordnet.

Die einzelnen Level sind dabei von ein bis drei durchnummeriert. Level eins entspricht dabei dem geringsten, Level drei dem höchsten Sicherheitsstandard.

Am Beispiel des Risikobereichs „Flugzeugabsturz“ wird das Bewertungssystem deutlich. Verfügt ein Kernkraftwerk über einen ausreichenden Schutz gegen den Absturz eines Militärflugzeugs vom Typ Starfighter, so erhält es den Robustheitslevel eins. Die Auslegung einer Anlage gegen den Absturz eines mittleren Verkehrsflugzeugs wird mit Level zwei bewertet. Level drei erhalten in diesem Bewertungsbereich diejenigen Kraftwerke, die gegen den Aufprall einer großen Verkehrsmaschine ausgelegt sind.

Die Prüfungsergebnisse in der Übersicht

Die folgende Grafik zeigt den jeweiligen Robustheits- oder Sicherheitslevel der untersuchten Kernkraftwerke in Bezug auf das jeweilige Risiko.

Unterschieden wird hierbei also nach der Auslegung der Anlagen gegen Erdbeben, gegen Hochwasser, gegen einen Totalstromausfall (Station Blackout), gegen einen Ausfall des Kühlsystems und gegen die thermischen sowie gegen die mechanischen Auswirkungen eines Flugzeugabsturzes.

In der letzten Spalte der Darstellung werden die jeweils erreichten Sicherheitslevel addiert. Bei einer maximalen Sicherheitsauslegung wären hier im Höchstfall 18 Punkte zu erreichen.

Nur zwei Atomkraftwerke, Philippsburg 2 und Emsland, erreichen hierbei mit 15 bzw. 13 Punkten mehr als 70 Prozent der maximal anzunehmenden Sicherheitsausstattung. Einschränkend kann man hierbei feststellen, dass beide Anlagen in der Auslegung gegen Erdbeben nur Level eins erreichen.

Insgesamt 15 Anlagen bleiben unter 70 Prozent, acht Kraftwerke unter 56 Prozent und sechs Atomkraftwerke erreichen 50 Prozent oder weniger.

Terroristische Einwirkungen bleiben unberücksichtigt

In Bezug auf die Risiken durch terroristische Angriffe ist der Bericht der Reaktor-Sicherheitskommission sehr kurz gefasst.

In Bezug auf äußere Einwirkungen, also Explosion oder Flugzeugabsturz heißt es hier:

„Eine Robustheitsbetrachtung der Anlagen hinsichtlich notwendiger Überwindung von gestaffelten Schutzmaßnahmen kann in der ersten Bewertung der RSK in diesem Zeitrahmen nicht geleistet werden. Die Darstellung und Bewertung ist aufgrund der hohen Vertraulichkeit der Sicherungsmaßnahmen nur einem eingeschränkten Kreis verfügbar.“

Noch kürzer fällt die Bewertung der Risiken durch eine Manipulation der Sicherheitssysteme durch Hackerangriffe aus:

„In Begrenzungssystemen und betrieblichen Systemen werden teilweise softwarebasierte Systeme genutzt. Trotz des gestaffelten Sicherheitskonzeptes ist somit die Einwirkung solcher Angriffe hinsichtlich der Robustheit zu untersuchen. Dies geschieht zur Zeit aufgrund der Weiterleitungsnachricht der GRS in den Aufsichtsverfahren der Länder.“

Fazit

Im Prinzip erbringt der Bericht der RSK keine Erkenntnisse, die zuvor nicht bereits bekannt waren. Die deutschen Kernkraftwerke unterscheiden sich in ihrer Sicherheitsausstattung erheblich voneinander und weisen dabei erhebliche Sicherheitsmängel auf.

In Bezug auf das interessanteste Thema, die Auswirkungen terroristischer Anschläge auf die Kraftwerke, bleibt die umständliche Untersuchung ergebnislos.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Einschätzung von Risiken durch unbeabsichtigte oder beabsichtigte Flugzeugabstürze könnte sich die Bewertung terroristischer Gefahren allerdings als redundant erweisen:

16 der 17 deutschen Kraftwerke würden den Absturz einer größeren Verkehrsmaschine nicht unbeschadet überstehen und stellen so ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko dar.

Diese eklatante Sicherheitslücke war bereits vor der Untersuchung durch die Kommission bekannt. Jetzt allerdings liegt das Ergebnis offiziell vor und man kann gespannt sein, welche Schlussfolgerungen die Bundesregierung hieraus ziehen wird.

Der Bericht der Reaktor-Sicherheitskommission als Download, 17.05.2011


http://www.derwesten.de/nachrichten/wirtschaft-und-finanzen/Nur-noch-vier-AKW-am-Netz-Vorgeschmack-auf-den-Atomausstieg-id4672744.html

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Atompolitik, Politik

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