Der Fall Jorgo Chatzimarkakis: Wenn aus der Doktorwürde eine Doktorbürde wird

13.07.2011 – Seit mit Karl Theodor zu Guttenberg im Februar 2011 der Ansturm auf die Doktorwürde deutscher Politiker eröffnet wurde, vergeht kaum ein Monat, in dem nicht neue Plagiats-Affären öffentlich werden. Acht prominente Fälle zählen die Plagiatsjäger bisher. Jüngste Entwicklung: Heute hat die Universität Bonn den Doktortitel von Jorgo Chatzimarkakis eingezogen.

Vor dem Hintergrund der raschen Abfolge von Untersuchungen, Enthüllungen und Aberkennungsverfahren kann man den Eindruck gewinnen, dass die abgeschriebene Promotion – zumindest unter Politikern – mehr Regel als Ausnahme ist. Auffällig ist hierbei die Häufung der Plagiate bei Angehörigen der FDP. Die Hälfte der Betrugsfälle wird von liberalen Politikern in Anspruch genommen.

Genießt man in der FDP bessere Karrierechancen, wenn man einen Doktortitel vorweisen kann? Oder ist bei liberalen Politikern die Eitelkeit stärker ausgeprägt als bei Angehörigen anderer Parteien?

Chatzimarkakis hat das Plagiieren in Oxford erlernt

Am 3. Juli saß der liberale Europa-Abgeordnete Jorgo Chatzimarkakis noch im Studio von Anne Will und diskutierte zum Thema „Die Blender Republik – wie weit kommt frech?“. Hier wies er die Plagiatsvorwürfe gegen seine Doktorarbeit aus dem Jahr 2000 energisch zurück, versicherte treuherzig „keine Stelle ohne Quelle“ und erklärte Ungenauigkeiten beim Zitieren von fremden Textstellen mit der angeblichen wissenschaftlichen Praxis an der Universität Oxford. Dort hatte sich Chatzimarkakis während seiner sechsjährigen Studienzeit für drei Monate aufgehalten.

Heute, nur zehn Tage später, ist der Doktor von Chatzimarkakis weg. Die Universität Bonn hat die Entziehung des Titels einstimmig beschlossen und begründet die Entscheidung damit, dass mehr als die Hälfte des eingereichten Textes aus fremden Federn stamme.

Der Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Bonn, Professor Dr. Günther Schulz: „Wir werden verstärkte Anstrengungen unternehmen, um solche Machenschaften künftig zu verhindern“. Für die deutschen Universitäten sind die Betrugsfälle scheinbar deutlich mehr als reine Kavaliersdelikte karrierebesessener Politiker. Affären um unredlich erworbene akademische Titel schaden dem Ruf der Universitäten und beschädigen den Leumund ehrlicher Doktoranden.

Des Kaisers neue Kleider sind häufig gelb

Wie ist es zu erklären, dass von den bisher aufgedeckten acht Betrugsfällen insgesamt die Hälfte auf Angehörige der FDP entfällt? Den Anfang machte hier Silvana Koch-Mehrin. Verfahren gegen Bijan Djir-Sarai und Margarita Mathiopoulos befinden sich noch in der Prüfung durch die zuständigen Universitäten und der Doktortitel von Jorgo Chatzimarkakis wurde heute offiziell aberkannt.

Gemäß VroniPlag enthalten 46,31 Prozent der Seiten von Mathiopoulos Doktorarbeit Plagiate. Bei Bijan Djir-Sarai sind es 44,44 Prozent. Zum Vergleich: Die mittlerweile aberkannte Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin enthielt 34,33 Prozent plagiative Seiten, die von Jorgo Chatzimarkakis brachte es auf 71,58 Prozent.

Gespannt kann man nun auf die politischen Konsequenzen der einzelnen Affären sein. Silvana Koch-Mehrin war nach Bekanntwerden der Vorwürfe von allen politischen Ämtern in Deutschland zurückgetreten. Ihren Sitz im Europa-Parlament behielt sie jedoch und wurde vier Tage nach der Aberkennung Ihres Titels sogar in den Forschungsausschuss des Europäischen Parlaments berufen.

Hiergegen opponierte vor allem die Allianz der Deutschen Wissenschaftsorganisationen. In einer Erklärung hieß es: „Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten sind alles andere als ein Kavaliersdelikt. Deshalb hält die Allianz es für nicht akzeptabel, wenn Frau Koch-Mehrin im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments Deutschland vertritt“.

Jorgo Chatzimarkakis hatte sich bei Anne Will geweigert, die Frage nach einem Rücktritt, für den Fall dass sich der Plagiatsvorwurf bestätigen würde, zu beantworten. Jetzt wird er alleine deshalb zurücktreten müssen, um Schaden von seiner ohnehin angeschlagenen Partei abzuwenden. Nach aktuellen Umfragen von Forsa ist die FDP in der Wählergunst wieder auf vier Prozent gesunken.

Die Begeisterung der Plagiatsjäger ist ein Indiz für Machtlosigkeit

Bei den immer häufiger auftauchenden Betrugsfällen im Zusammenhang mit den Dissertationen prominenter Politiker handelt es sich nicht um einen neuen Trend. Neu ist lediglich die starke öffentliche Aufmerksamkeit in Verbindung mit den modernen Internet-Techniken zur Recherche nach gleichlautenden Textstellen.

Die Suche nach Plagiaten erreicht mittlerweile fast schon den Status eines Volkssports. Die gesammelte Schwarmintelligenz aufmerksamer Internetnutzer trifft hier auf eine akademische Praxis, die scheinbar alles andere als in Ordnung ist.

Politiker stehen in Deutschland ohnehin nicht in dem Ruf glaubwürdig, ehrlich und redlich zu sein. Im Unterschied zur unterstellten Bestechlichkeit, zur Willfährigkeit gegenüber Lobbys oder zu gekauften Überzeugungen haben Bürger jedoch mit der Enthüllung von Plagiaten erstmals die Möglichkeit, ihren Volksvertretern Täuschung und Betrug verbindlich nachzuweisen.

Die große Begeisterung und Zustimmung angesichts des webgestützten Waschens schmutziger Politikerwäsche ist ein deutliches Indiz der Machtlosigkeit, die Bürger im Normalfall gegenüber den Machenschaften der Politik empfinden. Die Aufdeckung der nachweislichen Betrugsfälle ist die Rache wütender Bürger an denjenigen Politikern, die den akademischen Status Deutschlands leichtfertig aufs Spiel setzen, um ihre berufliche Karriere und ihre persönliche Eitelkeit zu fördern.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “Der Fall Jorgo Chatzimarkakis: Wenn aus der Doktorwürde eine Doktorbürde wird

  1. Winfried Timmermanns

    Die Problematik falscher Doktortitel ist nicht nur ein Problem der FDP. Das ist eine unzulässige Verkürzung der Zeitschiene. In 1 Jahr vielleicht, werden CDU und CSU „aufgeholt“ haben. Wir haben auch ein bisher wenig beleuchtetes „Problem“ mit der Doktor-Arbeit unserer Frau Bundeskanzlerin. Frau Merkel hat ihre Stasi-Akten vor der Öffentlichkeit verborgen, verbirgt jetzt Ihre Doktorarbeit.
    Das zeugt weder von Selbstbewußtsein, noch kann man ihr einen Freibrief für Redlichkeit ausstellen.

  2. Anonymous

    Alles Karijeregaile Arschlöscher

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