Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.13): Anders Behring Breivik

27.07.2011 – Am vergangen Freitag tötete der Norweger Anders Behring Breivik in Oslo über 70 Menschen. Kurz vor der Tat stellte er ein „Manifest“ von mehr als 1.500 Seiten ins Internet, in dem er den ideologischen Hintergrund seiner Tat darlegt, seine politischen Ziele erläutert und eine detaillierte Anleitung für potenzielle Nachahmer gibt, die selber Attentate begehen wollen.

Diese Presseschau gibt einen Überblick über die Berichterstattung über Anders Behring Breivik bei Bild, WELT ONLINE, FAT.NET, Stern und dem Tagesanzeiger.

Jacob Jung: Presseschau (1.13) beim Freitag.

 

Thema: Anders Behring Breivik – Der Attentäter von Oslo

Unmittelbar vor seiner Tat hat Anders Behring Breivik per Internet ein umfangreiches Pamphlet verbreitet, in dem er die Hintergründe und die Planung der Anschläge beschreibt, seine politischen und weltanschaulichen Ansichten notiert, zur Gründung einer europaweiten rechten Bewegung aufruft, potenzielle Anschlagsziele benennt und detaillierte Anleitungen zur Planung von Anschlägen, zur Beschaffung von Waffen, Ausrüstung und Sprengstoff, zur Vorbereitung und zur Durchführung entsprechender Taten gibt.

In dem Papier äußert sich Breivik auch über seine Pläne für die Zeit nach seiner Verhaftung. Die Phase der Haft und der Gerichtsverhandlung will er zur Propaganda nutzen. Darüber hinaus rechnet er damit, aus dem Gefängnis befreit zu werden, um eine „Bonus Operation“ durchzuführen. Er spricht davon, Teil einer bereits seit 2002 existierenden Bewegung zu sein, die angeblich 2002 in London gegründet wurde. Er spricht in diesem Zusammenhang von Mitgliedern aus insgesamt acht europäischen Ländern.

In den Medien werden die Anschläge des Extremisten als Verbrechen eines Einzeltäters, eines Wahnsinnigen, eines Spinners oder eines Geisteskranken dargestellt. Dabei zeigt das zweifelhafte „Manifest“, dass sich Breivik sehr intensiv mit den rechtspopulistischen Bewegungen in Europa auseinander gesetzt hat, seine Tat minutiös plante, selber damit rechnete, als geistig verwirrter Einzeltäter dargestellt zu werden und sein Attentat selber als ersten Impuls eines europäischen Bürgerkriegs sieht, der Europa bis 2083 zu einer konstitutionellen Monarchie ohne Muslime machen soll.

WELT ONLINE: Wie Deutschland sich vor Fanatikern schützt

In einem heute erschienenen Artikel in der Online-Ausgabe der WELT versuchen die Autoren einen Vergleich in Sachen Terror-Abwehr zwischen Norwegen und Deutschland aufzustellen und kommen zu dem Schluss: „Anders Breivik hätte hierzulande schlechtere Chancen, einen Anschlag wie in Norwegen zu verüben“.

Begründet wird diese Annahme damit, dass in Deutschland andere Richtlinien in Bezug auf Amokläufe gelten, dass der Verkauf von Substanzen, aus denen Sprengstoff hergestellt werden kann, strenger überprüft werden, dass hierzulande Altersbeschränkungen für den Verkauf so genannter Killerspiele bestehen und dass die gesetzlichen Regelungen in Bezug auf das Waffenrecht in Deutschland strenger sind.

Anders Breivik verübte den Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo gezielt, um die Einsatzkräfte dorthin zu locken und bei seinem Massaker auf der Insel Utøya länger ungestört zu bleiben. Eine solche Strategie würde auch in Deutschland zu einem stark verzögerten Einsatz der Polizei führen. Der massenhafte Einkauf von Kunstdünger, den der Attentäter zum Bombenbau genutzt hatte, war von den Behörden protokolliert, allerdings nicht für verdächtig gehalten worden. Breivik betrieb bereits seit 2009 eine Farm in Norwegen, die er als Tarnung für den Kauf der Substanzen nutzte. Auch in Deutschland gilt es als unverdächtig, wenn Landwirte entsprechende Stoffe in großen Mengen erwerben.

In Bezug auf die genannten Killerspiele stellt WELT ONLINE einen Zusammenhang zwischen der Tat und den Computerspielen her. Dabei äußert Breivik in seinem Papier, er habe Spiele wie „World of Warcraft“ – hierbei handelt es sich übrigens nicht um ein Kriegsspiel sondern um ein Fantasy-Rollenspiel – als Tarnung verwendet, um gegenüber seinem sozialen Umfeld  den großen Zeitaufwand zu erklären, den er zur Vorbereitung seiner Tat benötigt hat. Das deutsche Waffenrecht unterscheidet sich im Vergleich zur Rechtssituation in Norwegen schließlich vorrangig dadurch, dass gefährliche Schusswaffen hierzulande in gesicherten Schränken aufbewahrt werden müssen. Einen Schutz vor Tätern wie Breivik stellt diese Verordnung sicherlich nicht dar.

Die von der WELT suggerierte, höhere Sicherheit in Deutschland gegen Anschläge wie den in Oslo, ist trügerisch. Keine der genannten Sicherheitsmaßnahmen wäre in der Lage gewesen, eine solche Tat zu verhindern. In seinem Pamphlet beschreibt Breivik detailliert, welche Vorsichtsmaßnahmen er ergriffen hat, um nicht auf die „Watch-List“ der Ermittlungsbehörden zu geraten. Taten wie die von Breivik zeichnen sich durch eine perfide Vorbereitung, ein hohes Maß an Tarnung und Geheimhaltung und eine Vielzahl von Vorsichtsmaßnahmen aus und sind durch die genannten Vorsichts- und Ermittlungsmaßnahmen nicht zu verhindern.

[Quelle WELT ONLINE]

FAZ.NET: Anders Breiviks Tat bestätigt Islamisten

Ebenfalls vom heutigen Tag stammt ein Artikel aus der FAZ.NET. Hier wird die Auffassung vertreten, die Tat von Breivik würde die Thesen von Islamisten bestätigen, wonach sich der Westen auf einem Kreuzzug gegen den Islam befände.

Wörtlich heißt es hier:

In der arabischen Welt haben die revolutionären Umwälzungen und deren erste demokratische Früchte die Hoffnung keimen lassen, dass militante Islamisten sich künftig schwerer tun, Anhänger zu rekrutieren. Der Doppelanschlag in Norwegen könnte aber eine gegenteilige Entwicklung begünstigen. Denn der Massenmörder Anders Breivik, der sich als Tempelritter in Szene setzt, liefert den Extremisten die Bestätigung für ihre gebetsmühlenartig wiederholte These, dass sich der Westen auf einem Kreuzzug gegen den Islam befinde.

Das Blatt bemüht sich darum, einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Oslo und den Taten islamistischer Terroristen herzustellen. Bereits am vergangenen Freitag hatten die Medien übereinstimmend, noch bevor die Details zur Tat bekannt wurden, von einem mutmaßlich islamistischen Anschlag gesprochen.

Bei FAZ.NET wird eine subtile Verbindung zwischen der Tat Breiviks und den Aktivitäten in der Arabischen Welt hergestellt. Eine Begründung liefert das Blatt allerdings nicht und beschränkt sich in seiner Darstellung auf ausgewählte Schlagzeilen und Leserkommentare einzelner arabischer Medien.

[Quelle FAZ.NET]

Stern: Innenminister Friedrich sieht Parallelen zwischen nationalen Autonomen und Linksautonomen

Der Stern berichtet heute über ein Interview, dass Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich der Rheinischen Post gegeben hat. Hier äußerte der Minister wörtlich : „Sorgen machen mir insbesondere die sogenannten nationalen Autonome“, die sich zunehmend nach dem Beispiel der Linksautonomen formieren„. Weiterhin räumte Friedrich ein, dass eine rechtsextremistische Tat nach dem Osloer Muster in Deutschland nicht ausgeschlossen werden könne.

Friedrich hatte bereits am Tag der Tat die deutsche Bevölkerung zu mehr Wachsamkeit aufgerufen und damit die Aufforderung des Chefs der Polizeigewerkschaft Witthaut bestätigt, der in Bezug auf Norwegen am vergangenen Freitag über ein Attentat anlässlich des zehnten Jahrestages der Anschläge vom 11.September in New York spekuliert hatte.

Friedrich warnt zwar jetzt vor rechten Autonomen in Deutschland, stellt aber gleichzeitig einen Zusammenhang zwischen den Rechten und den Linksautonomen her. Noch kurz vor dem Anschlag in Oslo hatte Jörg Ziercke, Chef des BKA, erklärt, er halte den Linksextremismus in Deutschland für ähnlich gefährlich wie den Rechtsextremismus, obwohl die aktuellen Statistiken von Polizei und Verfassungsschutz zeigen, dass für das Jahr 2010 den insgesamt 15.905 rechtsextremen Straftaten 3.747 politisch motivierte Straftaten aus dem linken Spektrum gegenüber stehen.

[Quelle Stern]

Bild: Killer-Bestie – Sex als Triebfeder der Tat

In einem Artikel vom 26. Juli äußert sich die BILD mit keinem Wort zu den politischen und weltanschaulichen Motiven von Anders Behring Breivik. Stattdessen stellt ihn das Blatt als Killer-Bestie mit sexuellen Motiven dar.

Wörtlich heißt es hier:

Sex – oder eher, dass er keinen hat – beschäftigt ihn, wie es jeden Jugendlichen beschäftigt. Doch für Breivik wird Sex zum Wahn. Und vielleicht zur Triebfeder seiner Wahnsinnstat.

Belege für diese Annahme sehen die BILD Redakteure in Äußerungen Breiviks innerhalb seines Pamphlets, aus dem höchst selektiv zitiert wird. Die BILD greift einige Äußerungen des Abschnitte aus dem Papier des Attentäters heraus, nach denen er den Feminismus und die sexuelle Revolution mit für den Niedergang der europäischen Gesellschaften verantwortlich macht.

Nicht erwähnt wird dagegen, dass Breivik in seinem Papier ein Europa fordert, dass frei von Muslimen ist und einen Plan entwirft, nach dem muslimische Einwanderer bis 2083 aus Europa deportiert werden sollen, wenn sie sich nicht bereit erklären sich taufen zu lassen, ihren Namen abzulegen, Kontakte zu anderen Muslimen abzubrechen und maximal zwei Kinder zur Welt bringen.

[Quelle BILD]

Tagesanzeiger: Gegen Spinner kann man nichts machen

Der Schweizer Tagesanzeiger nimmt die Anschläge von Oslo heute zum Anlass, um dem Rechtspopulisten und SVP-Nationalrat Oskar Freysinger ein breites öffentliches Forum zu verschaffen. Dieser distanziert sich zwar persönlich von Anders Breivik und bezeichnet dessen Tat als Einzelverbrechen eines Spinners, bekennt sich aber zu seiner Äußerung, wonach Ausländer schwarze Schafe, Raben und Ratten sind.

Wörtlich heißt es in dem Blatt:

„Schwarzes Schaf“ ist ein allgemeiner Begriff für Leute mit unangepasstem Verhalten und betraf lediglich Verbrecher. Die Raben stehen für ein Verhalten, das darauf abzielt, anderen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Weiterhin räumt der Rechtspopulist ein:

Ich weiß, wozu Rechtsextreme fähig sind. Auch bei uns gibt es im Umfeld der Pnos (der Partei national orientierter Schweizer, die Redaktion) und der Skinheads rabiate Typen, die sich nicht zum Rechtsstaat bekennen.

In Bezug auf seine Verbindung zum holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders sagt Freysinger:

Wir kämpfen beide gegen eine falsche Toleranz dem islamischen Dogma gegenüber. Wir dürfen es nicht zulassen, dass in Europa zweierlei Recht entsteht, eines für uns und eines für die Muslime. In Großbritannien, Frankreich und Holland gibt es bereits heute Quartiere, in die kein Polizist mehr einen Fuß setzt. Es gibt viele moderate Muslime, das wissen Geert Wilders und ich; aber es gibt keinen moderaten Islam. Das sage nicht ich, das sagt der türkische Premierminister Recep Erdogan.

Der Tagesanzeiger hält es dabei nicht für nötig, die Äußerungen des SVP-Nationalrats zu hinterfragen oder zu relativieren. In einem anderen Artikel zitiert der Tagesanzeiger ein Statement der Chefin des Norwegischen Geheimdienstes, wonach Breivik keineswegs verrückt ist. Janne Kristiansen sagte demnach: „Meiner Meinung nach ist er durchaus ein zurechnungsfähiger Mensch“ und widerspricht damit der Auffassung von Freysinger, wonach es sich um die Tat eines einzelnen „Spinners“ handelt.

[Quelle Tagesanzeiger]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Politik

Eine Antwort zu “Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.13): Anders Behring Breivik

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