Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.14): Heiner Geißlers totaler Krieg

03.08.2011 – Heiner Geißler, einst skandalträchtiger Generalsekretär, heute CDU-Urgestein, Talkshow-Provokateur und Schlichter, hat den streitenden Stuttgart 21 Parteien am vergangenen Freitag zugerufen: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“

Die Auffassungen über das berüchtigte Zitat gehen weit auseinander. Während Geißler sich für einige Beobachter mit seiner Äußerung eindeutig und endgültig als Schlichter disqualifiziert hat, halten andere den Wirbel angesichts des verbalen Ausrutschers für deutlich übertrieben.

Diese Presseschau gibt einen Überblick über die Berichterstattung bei der Tagesschau, Spiegel Online, FAZ.NET, sueddeutsche.de und der Berliner Zeitung.

Jacob Jung: Presseschau (1.14) beim Freitag

Thema – Heiner Geißler in Stuttgart: Wollt Ihr den totalen Krieg?

Am vergangenen Freitag sorgte S21-Schlichter Heiner Geißler für Empörung, als er nach zehnstündiger Debatte über den Stresstest entnervt in die Runde fragte: „Wollt Ihr den totalen Krieg? Oder versuchen wir, als vernünftige Menschen einen vernünftigen Mittelweg zu finden?

Der 81-jährige zitierte damit aus Joseph Goebbels berüchtigten Sportpalastrede vom 18. Februar 1943. Gestern darauf vom Deutschlandfunk angesprochen gab Geißler noch vor, die Urheberschaft und den historischen Kontext des Zitates nicht zu kennen. Der Passauer Neuen Presse sagte er dagegen heute auf die Frage, ob er sich wieder so äußern würde: „Das ist sehr sorgfältig gewählt. Das war eine bewusste Zuspitzung, und das erwünschte Echo ist da“.

In seiner Zeit als CDU-Generalsekretär war Heiner Geißler nicht selten durch befremdliche historische Vergleiche und einen unbedachten Sprachgebrauch aufgefallen. So hatte er beispielsweise 1983 im Bundestag gesagt, der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht.  Ein anderes Mal bezeichnete er die SPD-Bundestagsfraktion als fünfte Kolonne Moskaus. Willy Brandt beschimpfte Heiner Geißler 1985 als „den schlimmsten Hetzer in diesem Land seit Goebbels“.

Tagesschau.de: Geißler ist als Schlichter nicht mehr zu gebrauchen

Für die Tagesschau kommentierte heute Frank Wahlig vom SWR die umstrittene Äußerung von Heiner Geißler. Wahlig erinnert daran, dass Geißler schon immer mit der „Fascho-Keule“ umgehen konnte und schon als aktiver Politiker nie zimperlich gewesen sei. In seinen Augen arbeitete Geißler schon immer mit dem größten „Garstigkeitsfaktor“.

Wörtlich heißt es in dem Kommentar:

Um es kurz zu machen: Auch wenn Geißler ein älterer Mann ist, auch wenn er es genießt im Rampenlicht zu sein – Anleihen an Goebbels sind nicht akzeptabel.  Er ist als Schlichter, für was auch immer, nicht mehr zu gebrauchen – ihm seien das Altenteil und lange Spaziergänge irgendwo hin gegönnt. Weit weg von jedem Scheinwerfer und jedem Mikrofon.

[Quelle Tagesschau.de]

Spiegel Online: Eine Entschuldigung – und zwar schnell!

Für den Spiegel äußerte sich gestern Christoph Schwennicke und kritisierte neben dem eigentlichen Zitat vor allem Heiner Geißlers Umgang mit seiner Entgleisung im Nachhinein. Statt sich zu entschuldigen gab der Politiker gegenüber dem Deutschlandfunk vor, nicht zu wissen, dass der Ausspruch von Joseph Goebbels stammt. Danach räumte er ein, dass er mit seiner Äußerung schockieren wollte. Hierin sieht der Spiegel einen deutlichen Widerspruch, da die offenbar beabsichtigte Schockwirkung ja erst durch den historischen Kontext entstehen konnte.

Schwennicke schreibt wörtlich:

Er sollte jetzt, besser in den kommenden Minuten oder Stunden als erst in den nächsten Tagen, zur Räson kommen und sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, und dann habe ich einen noch viel größeren Fehler begangen, als ich den ersten Fehler hanebüchen rechtfertigen wollte.

Das fällt schwer. Aber das muss jetzt sein. Sonst gab es einmal einen großen Politiker Heiner Geißler.

[Quelle Spiegel Online]

FAZ.NET: Der alte Geißler

Bei FAZ.NET sprang Edo Reents für Geißler in die Bresche. In seinen Augen kann man das Goebbels-Zitat alleine schon deshalb nicht mit Geißlers umstrittener Äußerung vergleichen, weil die Ziele hinter der Rhetorik völlig gegensätzlich sind. Während der Stuttgart 21 Schlichter hiermit zur Friedfertigkeit aufrufen wollte, ging es dem NS-Propagandaminister um Volksverhetzung und Durchhalteparolen. In dem Interview mit dem Deutschlandfunk erkennt Reents lediglich komische Qualitäten, die ihn an Loriots Ehesketche erinnern.

Bei FAZ.NET heißt es wörtlich:

Heiner Geißler aber wollte, als er die Gegner des Projekts „Stuttgart 21“ mit diesem Zitat in dem Moment konfrontierte, als diese aus Protest den Saal verlassen wollten, das Gegenteil erreichen: „Frieden in Stuttgart“, wie er seinen am Freitag plötzlich aus dem Hut gezauberten Kompromissvorschlag (der alte Bahnhof bleibt stehen, zusätzlich soll es einen kleineren Tiefbahnhof geben) etwas feierlich nannte. Er hätte auch sagen können: Leute, seid doch vernünftig, bleibt sitzen und lasst uns nach einer Lösung suchen.

[Quelle FAZ.NET]

sueddeutsche.de: Der Lautsprecher ruft, und alle sitzen auf den Ohren

Für die sueddeutsche.de stellt Stephan Speicher bereits am 01. August die Frage, warum sich während der Schlichtungsverhandlung noch niemand über die Äußerung Geißlers aufgeregt hat. Mögliche Erklärungen: Geißlers Frage traf einen wunden Punkt, die Gelassenheit im Umgang mit dem Zitat kennzeichnet ein Nachlassen der historischen Empfindlichkeit oder Geißlers ohnehin bekannte Maßlosigkeit und Neigung zur „Lautsprecherei“ verhinderte eine abweisende Reaktion bei seinen Zuhörern.

Stephan Speicher wörtlich:

Niemand herrschte ihn an, so lasse man sich nicht adressieren. Wie kann man so schwache Reflexe haben? Hatte die – selbstverständlich rhetorische – Frage doch einen wunden Punkt getroffen, die heimliche, peinliche Empfindung der streitenden Parteien, sich tatsächlich in eine fanatische Entschlossenheit verrannt zu haben? Geißler stellte die Frage, um seinen Coup vorzubereiten, den Vorschlag eines Kompromisses aus alten Kopf- und neuem Tiefbahnhof.

[Quelle sueddeutsche.de]

Berliner Zeitung: Geißler erklärt den verbalen Krieg

Joachim Wille beschäftigt sich heute für die Berliner Zeitung mit Geißlers verbalem Ausrutscher und sieht hierin nur die vorläufig letzte Station des Scheiterns eines Schlichtungsversuchs. Nach anfänglichen Erfolgen – Geißler war es gelungen, die Bahn zu einem vorrübergehenden Baustopp zu bewegen und die streitenden Parteien an einen Tisch zu holen – knickte der Schlichter Ende November letzten Jahrs ein und sprach sich für den Bau des Tiefbahnhofs in optimierter Form (S21 plus) aus. Den anschließenden S21-Stresstest überwachte Geißler nicht mehr. Sein aktueller Kombi-Vorschlag ging im allgemeinen Tumult angesichts des Goebbels-Zitats unter: Geißlers Verfahren scheint gescheitert.

Wörtlich heißt es in der Berliner Zeitung:

Die öffentliche Empörung aber brauchte vier Tage. Dann erst fragte sich der Publizist Stephan Speicher in der Süddeutschen Zeitung, ob sich da eine neue deutsche Gelassenheit im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit andeute. Geißler hatte kurz vor der Verkündung seines Friedens in Stuttgart die Nazi-Größe Joseph Goebbels und dessen Rede im Berliner Sportpalast von 1943 zitiert.

[Quelle Berliner Zeitung]

 

3 Kommentare

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3 Antworten zu “Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.14): Heiner Geißlers totaler Krieg

  1. Pingback: Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.14): Heiner Geißlers totaler Krieg | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

  2. …wo ist die scharfe kritik der jüdischen gemeinde wegen des göbbels zitat geißlers ? Die geschichte wandelt sich im fluß der zeit für neues,die NS – zeit rückt in immer weitere ferne,es kommen neue generationen.Hoffentlich wird auch nicht tschernobyl und fukoshima so ignoriert und dem nichtbeachtet sein preisgegeben,durch die folgenden generationen in vergessenheit geraten.In den schulen sollte psychologie als pflichtfach eingeführt werden.Dieser rassismus,diskriminierung auch die sozialen diskr.sind für mich unerträglich,egal im welchen zeitabschnitt der geschichte.Zum glück wehren sich jetzt die leute gegen die zionisten in israel,die menschheit sehnt sich auch nach materieller freiheit.Aber nichts entschuldigt den rassismus,welche die freiheit immer in ketten legen möchte.Alle macht der liebe,freiheit und fantasie.

  3. „Wollt Ihr den totalen Krieg“ war damals und ist auch heute im Grunde dasselbe, nämlich eine RETHORISCHE Frage!

    Dass sie damals von Goebbels gestellt wurde, ändert rein garnichts daran!

    Geisslers Fehler bestand NICHT darin, diese inzwischen zu „geflügelten Worten“ gewordene rethorische Frage zu wiederholen. Sie bestand alleine darin, dass er sich zunächst nicht mehr an den Urheber dieser berühmt-berüchtigten Frage erinnern wollte!

    Rein sachlich ist diese Frage im Fall Stuttgart21, diesem heutzutage, angesichts der riesigen Verschuldung aller öffentlichen Hände eindeutig als Wahnsinnsprojekt OHNE wirtschaftliche Refinanzierungschance zu bezeichnenden Vorhaben mehr aqls nur naheliegend, nämlich vollauf berechtigt.

    Und wenn die GRÜNEN und die Volksbewegung gegen dieses Projekt ihre Kräfte bündeln und ihre Argumente aufeinander abstimmen, dann kann es noch einen sehr interessanten Abstimmungskampf darüber geben! DENN die baden-württembergischen Häuslebauer werden einem Projekt mit voraussichtlichen Gesamtkosten um die 10 Milliarden EURO nicht mehr einfach zustimmen, bloss weil es noch Parteien und sogar eine Kanzlerin gibt, die es unbedingt durchsetzen wollen!

    Ich bin Baden-Württemberger, und werde, ebenso wie alle meine Freunde und Bekannten, ganz bestimmt dagegen stimmen!

    Den Deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan und anderswo kann ich leider ebenso wenig verhindern wie deutsche Waffenlieferungen nach Saudi Arabien oder Waffen-Geschenke an Israel; ABER Stuttgart21 kann ich mit meiner Stimme dagegen zu verhindern versuchen!

    Und diese Chance werde ich mir ganz gewiss nicht entgehen lassen!

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