Zahlenspiel Arbeitslosigkeit – Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.17)

31.08.2011 – Am Ende jeden Monats veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die aktuellen Zahlen zur Arbeitslosigkeit in Deutschland. Die Zahl der Unbeschäftigten und die Arbeitslosenquote geben die konjunkturelle Stimmung wieder und dienen der Bewertung der Regierungsarbeit in Sachen Beschäftigungspolitik.

Da sich die Medien meist darauf beschränken, den knapp 100-seitigen Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit auf nur zwei Zahlen (Arbeitslosenzahl, Arbeitslosenquote) zu reduzieren, bleibt die Anzahl an Menschen, die in Deutschland tatsächlich unter einem Beschäftigungsproblem leiden, im Verborgenen. Dies dient der Stimmung in der Bevölkerung und verschafft Politikern gute Noten.

Diese Presseschau gibt einen Überblick über die Berichterstattung bei sueddeutsche.de, n-tv, welt.de, rp-online und bild.de.

Jacob Jung: Presseschau (1.17) beim Freitag

Thema: Die Tricks der deutschen Arbeitslosenstatistik

Um die Zahlen zur Arbeitslosigkeit in Deutschland möglichst gut dastehen zu lassen, greifen die Bundesagentur für Arbeit und das Ministerium von Ursula von der Leyen zu einem einfachen aber wirkungsvollen Trick. Fast schon traditionell teilen die Statistiker der Behörden die Menschen, die in Deutschland unter einem Beschäftigungsproblem leiden, in vier Kategorien ein. In die überall veröffentlichte Arbeitslosenzahl fließen dabei allerdings lediglich die Betroffenen einer der vier Kategorien ein. Die übrigen drei Kategorien bleiben unberücksichtigt und beschönigen so bewusst die tatsächlichen Lebensumstände in Deutschland.

Nicht mitgezählt werden beispielsweise Langzeitarbeitslose, die das 58. Lebensjahr vollendet haben, Menschen, die sich aktuell in einer „arbeitsmarktpolitischen Maßnahme“ befinden, Arbeitslose, die einer geförderten Selbständigkeit nachgehen, Betroffene, die zum Zeitpunkt der Erhebung einem Bewerbungstraining oder einer Fortbildung nachgehen oder Kurzarbeiter. Die Kategorie derjenigen, die tatsächlich in der Statistik erfasst sind, trägt die Bezeichnung „Arbeitslosigkeit“. Unberücksichtigt bleiben die drei Kategorien „Arbeitslosigkeit im weiteren Sinne“, „Unterbeschäftigung im engeren Sinne“ und „Unterbeschäftigung“.

Der bewährte Zahlentrick erlaubt es der Arbeitsagentur und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, je nach politischer Befindlichkeit, Wahlkampfphase oder PR-Offensive, annähernd jede gewünschte Zahl zu produzieren. Ist man mit den tatsächlichen Werten nicht zufrieden, so werden „störende“ Arbeitslose einfach in eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme „verschoben“ und absolvieren so das zehnte Bewerbungstraining oder den fünften Computerkurs, statt ein schlechtes Licht auf die deutsche Beschäftigungspolitik zu werfen.

Verräterisch ist alleine die Zahl an Menschen, die staatliche Leistungen im Rahmen von Hartz-IV empfangen. Diese lag nämlich beispielsweise noch im vergangenen Monat bei mehr als 5,6 Millionen, während die Arbeitsagentur eine offizielle Arbeitslosenzahl von lediglich 2.939.000 Betroffenen verkünden konnte.

Es lohnt also ein Blick auf den kompletten Monatsbericht der Bundesarbeitsagentur mit sämtlichen Zahlen zum Arbeitsmarkt. Genau das scheint die Schreiber der deutschen Qualitätspresse allerdings zu überfordern. Und so beschränkt man sich in den Redaktionen der Konzernmedien darauf, die geschönten Zahlen zu verbreiten und leistet so einen Beitrag zur Regierungsstabilität.

sueddeutsche.de: „Arbeitsmarkt trotzt den Erschütterungen“

Die sueddeutsche.de freut sich heute darüber, dass die Zahl der Erwerbslosen unter drei Millionen bleibt und macht aus dem selbst von der Bundesagentur eingeräumten Plus an Arbeitslosen von 5000 mittels einer nicht näher dargelegten „Saisonbereinigung“ ein Minus von 8000. Außerdem wird ausgeführt, dass der geringe Anstieg in absoluten Zahlen wohl mit Schul- und Betriebsferien zusammenhängt. Der Grund, warum die Ferienzeit eines Arbeitgebers zur Arbeitslosigkeit seiner Beschäftigten führen kann, wird dabei nicht erläutert. Dieser Effekt ist nämlich ausschließlich bei prekären Arbeitsverhältnissen möglich.

Wörtlich heißt es in dem Artikel:

Der Boom flaut ab, doch auf die Arbeitslosenzahl wirkt sich das noch nicht aus: Im August bleibt sie unter der Drei-Millionen-Marke – das gab es seit 19 Jahren nicht mehr. Doch auf dem Arbeitsmarkt bleibt ein Problem.

Es ist keine Meldung zum Jubeln, aber immer noch eine gute: Die Zahl der Arbeitslosen ist im August nur leicht gestiegen. Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg mitteilte, waren 2,945 Millionen Menschen ohne Arbeit. Das waren 5000 mehr als im Juli, aber 238.000 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote blieb unverändert bei sieben Prozent.

[Quelle sueddeutsche.de]

n-tv: „Historischer August – Arbeitslosigkeit steigt kaum“

n-tv spricht in einem Artikel vom heutigen Tag sogar vom „historischen August“ und lobt in Bezug auf die Arbeitslosigkeit ein Ergebnis, das so gut ist, wie schon seit 19 Jahren nicht mehr. In einem kleinen Absatz wird immerhin angemerkt, dass nicht alle arbeitslosen Menschen in Deutschland durch die Bundesagentur auch als arbeitslos gezählt werden. Erläutert wird dieser abweichende Bestand allerdings nicht.

Wörtlich heißt es hier:

Die Zahl der Arbeitslosen steigt im August nur um einige wenige Tausend an und beschert damit ein so gutes Ergebnis wie seit 19 Jahre nicht mehr. 2,945 Millionen Menschen sind ohne Job, 238.000 weniger als noch vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote liegt im Vergleich zum Juli unverändert bei 7 Prozent. Die positive Entwicklung soll weitergehen.

Arbeitslos ist, wer keinen Job hat. Könnte man meinen, doch dem ist nicht so. Jedenfalls nicht, wenn man nach der Bundesagentur für Arbeit (BA) geht. In deren monatlicher Statistik tauchen nämlich tausende von Menschen auf, die zwar keine Arbeit haben, aber trotzdem nicht als arbeitslos gewertet werden.

[Quelle n-tv]

welt.de: „Von der Leyen – Chancen für Arbeitslose besser denn je“

Die Welt lässt heute Bundesarbeitsministerin von der Leyen zu Wort kommen, die sich über die „gute Verfassung“ des Arbeitsmarktes freut und den Anstieg der Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vormonat zum „Hauch“ erklärt.

In dem Artikel heißt es:

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht den Arbeitsmarkt trotz der leichten Delle im August nach wie vor in guter Verfassung. „Der Aufschwung ist immer noch da, aber seine Dynamik nimmt ab“, sagte von der Leyen am Mittwoch in Berlin.

Die „sehr positive, nachhaltige und robuste Entwicklung am Arbeitsmarkt“ habe dazu geführt, dass die Arbeitslosenzahl trotz deutlichen Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktförderung nicht gestiegen sei. Auch Langzeitarbeitslose würden derzeit aus öffentlicher Beschäftigung in den ersten Arbeitsmarkt dauerhaft vermittelt. Ihre Job-Chancen seien derzeit „so gut wie selten“.

[Quelle welt.de]

rp-online: Arbeitsmarkt weiter im Aufwind

Auch die Online-Ausgabe der Rheinischen Post bewertet die Situation am deutschen Arbeitsmarkt in einem Artikel vom heutigen Tage als positiv und versäumt es, auf das Berechnungsverfahren der Bundesagentur für Arbeit hinzuweisen. Immerhin macht das Blatt allerdings darauf aufmerksam, dass mehr als 21.000 Schulabgänger für die Zeit nach den Ferien noch keinen Ausbildungsplatz in Aussicht haben.

Wörtlich heißt es dazu:

Im Vergleich zum Juli stieg die deutschlandweite Zahl allerdings leicht um 5000 an. Grund dafür waren vor allem die Ferien in zahlreichen Bundesländern. In dieser Zeit melden sich vor allem junge Menschen mit Ende der Schule oder der Ausbildung vorübergehend arbeitslos. Die Quote lag im August unverändert bei 7,0 Prozent.

Über 21.000 junge Menschen wissen allerdings noch nicht, wie es weitergeht. Sie sind den Angaben zufolge noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Dabei haben sie noch die Wahl zwischen 14.900 Stellen, die im August noch unbesetzt waren – vor allem im Einzelhandel, in Büros und in der Gastronomie.

[Quelle rp-online]

bild.de: Niedrigste Arbeitslosenzahl seit fast 20 Jahren

Ebenfalls vom heutigen Tag stammt ein Artikel in der Online-Ausgabe der Bild-Zeitung, der von einer Rekord-Beschäftigung in Deutschland spricht. Das Blatt beschränkt sich dabei nicht nur auf die verkürzte Darstellung der aktuellen Zahlen sondern wirft darüber hinaus einen Blick in die Zukunft. Im Spätherbst soll die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland nämlich auf rund 2,7 Millionen fallen und würde so den niedrigsten Stand seit 20 Jahren erreichen.

Wörtlich schreibt bild.de:

Trotz eines leichten Anstiegs der Arbeitslosenzahl im August setzt sich der Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt fort. Bis zum Spätherbst könnte die Arbeitslosenzahl nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf etwa 2,7 Millionen zurückgehen und damit auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren fallen.

Trotz eingetrübter Geschäftserwartungen stehen die Zeichen in vielen deutschen Unternehmen weiter auf Expansion – viele Firmen suchen weiter nach neuen Mitarbeitern.

[Quelle bild.de]

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Politik, Sozialpolitik

Eine Antwort zu “Zahlenspiel Arbeitslosigkeit – Mittwochs beim Freitag – Presseschau (1.17)

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