Die ARD erreicht RTL-Niveau: Willkommen Günther Jauch

12.09.2011 – Gestern Abend feierte Günther Jauch vor mehr als fünf Millionen Zuschauern seine Premiere als neuer Polit-Talker der ARD.

Seine Quote wird bei den nächsten Sendungen sicher noch steigen, denn Jauch hat das geschafft, was die ARD im politischen Sektor seit einiger Zeit bereits zu erreichen versucht hat: Das RTL-Niveau.

Der erfahrene Fernseh-Mann war bei seiner Auftakt-Sendung sichtlich nervös. Einen Grund hierfür gab es dabei nicht, denn die gesamte Sendung war bis ins kleinste Detail geplant.

Der unvermeidliche Rahmen für den Auftakt am 9. September 2011: 9/11. Das Thema der Sendung: „War es richtig, in den Afghanistan-Krieg zu ziehen?“

Maischberger, Will und Plasberg: Die Riege der belanglosen Plauderer und Gefälligkeits-Journalisten erhält durch den Rate-Onkel von den Privaten eine angemessene Verstärkung.

Günther Jauch: 60 Minuten kontrollierte Langeweile

Das Aufregendste an Günther Jauchs neuem Polit-Talk in der ARD war ohne Zweifel die Location. Das Gasometer in Berlin-Schöneberg wurde für die Sendung in eine rötlich schimmernde Industrial-Kulisse verwandelt. Master und Slaves nahmen unter einer gläsernen Kuppel Platz. Schnelle Kamerafahrten suggerierten Größe, während Gastgeber und Gesprächspartner in geordneter Folge brave Fragen und artige Antworten austauschten.

Der gesamte Ablauf der Sendung und die leicht verdaulichen Einspieler stammen unmittelbar aus der RTL-Trickkiste: Anfangsmusik mit Studio-Präsentation, Anmoderation in enger Anlehnung an Stern-TV. Statt Werbeblock nach der Begrüßung eine musikalisch untermalte Mini-Doku über die „Dust Lady“, die für die erste Gesprächssequenz der Sendung von Jauch in die Intensiv-Ecke geführt wird:

Wie ging es Ihnen nach 9/11? Schlecht.

Wie geht es Ihnen heute? Gut.

Wir haben Sie sich nach dem Tod von Bin Laden gefühlt? Gut.

Wie haben Sie Ihren ersten Flug seit 2001 erlebt? Gut.

Danach wechselt Jauch in die Gesprächsrunde und die „Dust Lady“ Marcy Broders wird ins Publikum verbannt.

Jauchs Gäste: Springer-Vorstand Mathias Döpfner (Das freie Modell des Westens ist durch den Islam latent und akut bedroht), Ex-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann (Der Amerikaner ist schlecht informiert), Leserin Elke Heidenreich (Ich habe auf dem Flug von New York sieben Stunden über Bücher geredet), Betroffenheits-Experte Jürgen Todenhöfer (Ich reise seit 50 Jahren in die arabische Welt) und Ex-Verteidigungsminister Peter Struck (Unsere Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt).

Krieg ist nicht schön aber manchmal alternativlos

Döpfner, der davon ausgeht, dass die westlichen Staaten akut vom Weltkalifat fundamentalistischer Moslems bedroht sind, gibt sich als Kriegsgegner und keiner lacht. Heidenreich findet, das Krieg keine Lösung ist, um die Taliban von der Steinzeit in die Neuzeit zu führen und gibt zum Besten, wie Harald Schmidt ihr im September 2001 das Leben gerettet hat. Todenhöfer hat für jede geäußerte Position größtes Verständnis und erinnert an das Schicksal afghanischer Kinder. Struck hält den Afghanistan Krieg für gerechtfertigt, denkt aber, dass dort jetzt ein politischer Prozess einsetzen muss.

Klinsmann wird als „USA-Experte“ vorgeführt und beginnt jeden seiner unbeholfenen Trainer-Sätze mit „Der Amerikaner…“. Beispiel: „Der Amerikaner ist ein Doppelverdiener, dessen Kinder in die Schule gehen und der am Wochenende sein Haus repariert. Wenn der Abends nach Hause kommt, dann schaut er einen von 300 Fernsehsendern in der Küche und ist deshalb schlecht informiert“.

Günther Jauch sitzt wie ein verschämter Schuljunge zwischen seinen Gästen, liest mit protokollarischer Exaktheit harmlose Fragen von seinen kleinen Zetteln ab und wiegt die Gesprächspartner in der Sicherheit, dass weder Gegenfragen gestellt noch Widersprüche aufgedeckt werden.

Jeder kommt der Reihe nach dran, die ganze Sendung besteht aus abwechselnden Fragen und Antworten. Ein Gespräch, geschweige denn eine kontroverse Diskussion kommt nicht auf. In der Mitte der Sendung wird ein weiterer Stern-TV-Einspieler gereicht: Zu Gast bei Familie Menz, deren Sohn als Bundeswehrsoldat in Afghanistan gefallen ist. Untermalt mit traurig-pathetischer Musik. Mutter Tanja wird kurz in der Intensiv-Ecke befragt und dann, im Gegensatz zur Dust-Lady, in die Gesprächsrunde eingeladen.

Das Gespräch plätschert weiter vor sich hin und nach insgesamt einer Stunde weiß der Zuschauer, dass der Afghanistan Krieg nicht schön aber alternativlos war, dass die Welt angenehmer wäre, wenn es keine Kriege geben müsste und dass man immer auch an die Kinder denken muss.

Die Sendung hätte interessant werden können, wenn man statt des Springer-Chefs einen echten Zeitungsmann, statt des dauerbetroffenen Todenhöfers einen echten Friedensaktivisten und statt des Ex-Verteidigungsministers einen aktuell verantwortlichen Politiker eingeladen hätte und wenn das Format von einem Moderator geleitet würde, der etwas von Politik versteht und Spass daran hat, seine Gäste kontrovers gegeneinander antreten zu lassen. In der gewählten Besetzung blieb es allerdings bei musikalisch untermalter Langeweile und gewohnter Selbstdarstellung ohne jeden erhellenden Moment.

Die Mediokratie erreicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen

Die ARD hat sich nun endgültig dafür entschieden, den Polit-Talk in das seichte und leicht konsumierbare Mittelmaß-Format zu überführen und unterstellt ihren politischen Bildungsauftrag der zunehmenden Mediokratie im deutschen Fernsehen. Ewig gleiche Gäste in ewig gleichen Posen geben sich nach Belieben der Selbstdarstellung hin. Die Moderatoren liefern die abgesprochenen Vorlagen und verhelfen ihren Gästen zu kalkulierbarem Glanz.

Die Zeiten von kontroversen und aufklärenden Sendungen wie „Schlag auf Schlag“, „Ich stelle mich“ oder „Je später der Abend“ sind vorbei. Die Übergänge zum Boulevard sind fließend geworden und sonderliche Unterschiede zwischen Anne Will, Frank Plasberg, Sandra Maischberger und jetzt auch Günther Jauch zu Stern-TV oder Markus Lanz sind nicht mehr erkennbar.

Wäre das Polit-Theater nicht gebührenfinanziert, dann könnte man über die traurigen Reste politischer Gesprächskultur lächeln. Da es sich hierbei allerdings um einen wesentlichen Bestandteil des Bildungsauftrags der öffentlichen-rechtlichen Fernsehsender handelt, ist die Entwicklung bedenklich.

 

14 Kommentare

Eingeordnet unter Kultur, Politik

14 Antworten zu “Die ARD erreicht RTL-Niveau: Willkommen Günther Jauch

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  2. iamchrs

    Ich bin also nicht der einzige der das so sieht…

    http://ausgelesen.wordpress.com/2011/09/12/gunther-jauch-wenn-realitat-auf-unterhaltungsshow-trifft/

    Treffend formulierter Artikel!

  3. Nibiru

    Jauch & Co. sind keine Polit-Talker… Wer sich das erhoffte, kann nur verzweifeln. Sie bringen die Agenda der Sendeanstalten voran, pflanzen Bilder, Begriffe und deren Definitionen in unsere Köpfe (das klappt übrigens auch bei den Kritikern😉 Die Sender unterscheiden sich hier nicht – ganz gleich, ob öffentlich rechtlich oder privat. Interessant wäre es, zu überlegen, WARUM sie das tun. WAS damit erreicht werden soll. So wie in dem gestrigen Talk, eine Sekunde lang Elke Heidenreich die Frage nach dem WARUM im Zusammenhang mit 9/11 stellte. Doch diese – alles entscheidende – Analyse der Sendung versank auf der Stelle in der seichten Oberflächlichkeit. Es bleibt also die Frage im Raum stehen, warum es keinerlei hinterfragende Politik-Talks im Deutschen Fernsehen mehr gibt (die diese Bezeichnung ernsthaft verdienen)… Sobald man sich der Antwort nähert, wird einem auch die o.g. Agenda klar und man bekommt eine Vorstellung von ihrem Richtungssinn. Nibiru

  4. Ich hatte die öffentlich-rechtliche Schmierenkomödie lediglich als Berieselung nebenher laufen lassen und wurde trotzdem an einer Stelle stutzig, weil die Synchronsprecherin offensichtlich nicht einmal das einfache Wort „no“ korrekt übersetzen kann. Im Gespräch mit der „weltberühmten Staubfrau“, von der am 11. September nach dem Einsturz des Südturms zufällig eines der „ikonischsten Bilder des Terror-Tages“ fotografiert worden war, tauchten zwei merkwürdige Übersetzungsfehler auf.
    http://machtelite.wordpress.com/2011/09/13/marcy-border-die-dust-lady-bei-gunther-jauch/

  5. Gut analysiert und ich dachte schon, nur ich sähe das so…:
    http://netz10.de/2011/09/12/jauch/
    Was bitte hat ein Fußballtrainer in einer Sendung über Terrorismus zu suchen, dessen einzige Qualifikation darin besteht, in den USA zu leben?
    Und Elke Heidenreich? Ihr Weg auf die Gästeliste wurde dadurch gerechtfertigt, dass sie am 11. September in New York gewesen WÄRE, wenn sie nicht von Harald Schmidt eingeladen worden wäre.
    Jauch wurde durch Struck mit einem vergifteten Kompliment aus der Sendung gelobt (Das haben Sie toll gemacht). Peinlich.

  6. Ich frage mich sowieso, warum jetzt 5 Quasselrunden bei den ÖffRechtl. laufen müssen. Dazu noch mit Moderatoren wie Jauch, die ja auch ein entsprechendes Gehalt verdienen – finanziert von Gebühren.

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  11. Nachtrag: Die Jauch Redaktion präsentierte folgenden Einspieler in der Sendung:“ Die Erfolge: 2010 gehen über 7 Millionen Kinder zur Schule, davon 1/3 Mädchen. Im Jahr 2001 war es nur eine Million und fast nur Jungen. Die medizinische Grundversorgung hat sich verbessert, die Kindersterblickeit hat sich um mehr als 1/3 reduziert. Die Kosten: 4,8 Milliarden Euro hat der Bundeswehreinsatz Deutschland bislang gekostet. 52 deutsche Soldaten verloren ihr Leben.“
    Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass diese Erfolgsbilanz auf falschen Zahlen, regierungsfreundlichen Quellen basiert und dabei wichtige Informationen, die nicht ins Bild passen, unterschlägt:
    https://machtelite.wordpress.com/2011/09/15/afghanistan-krieg-bei-gunther-jauchpropaganda-mit-falschen-zahlen/

    • Anonymous

      Ich sehe gerade Jauch in der ARD und bin über die Äusserungen von Hr. Vogel entsetzt! Warum bagatellisiert Hr. Vogel den Vorfall? Ich bin nur eine normale Bürgerin Deutschlands und ICH interessiere mich momentan SEHR für das in meinen AUgen unehrliche und „unmögliche“ Verhalten unseres NOCH-Bundespräsident! Für jeden anderen Bürger ist es eine Straftat, wenn man jemanden anderen so bedroht, wie Wulff die Bild bedroht hat.

  12. Pingback: Spontis Wochenschau #24/11

  13. Anonymous

    Wenn ich wissen möchte wo die Grenze zwischen Beckum und Vellern verläuft frage ich das Katasteramt, die erklären das auf den cm genau.
    Wenn man 10 Leute an einen Tisch setzt, die darüber befinden sollen wo die Grenze zwischen Privat und dienstlich liegt, wird man 10 Meinungen hören, uund jeder meint natürlich Recht zu haben.
    Die Medien sollen endlich mit dem Wulf-Theater aufhören.
    Peter Aka

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