Wir sind empört! Und jetzt?

26.12.2011 – Das ausklingende Jahr steht ganz im Zeichen der Empörung. Auf der ganzen Welt setzen sich Menschen kritisch mit den herrschenden Verhältnissen auseinander und entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass etwas nicht stimmt. Protestbewegungen, Demonstrationen und andere Aktionen sind das äußere Anzeichen dafür, dass sich in weiten Kreisen der Bevölkerungen wachsender Widerstand regt.

Doch was kommt nach der Empörung? Was können wir tun, um einen konkreten Beitrag für eine bessere, gerechtere und demokratischere Gesellschaft zu leisten?

Informieren und Prüfen

Ohne aufgeklärte und gut informierte Menschen kann es keine offene und gerechte Gesellschaft geben. Der Zugang zu vielfältigen Informations- und Nachrichtenquellen war dabei noch nie so gut wie heute. Sie müssen entsprechende Angebote aber auch nutzen und sich dazu teilweise von bequemen Gewohnheiten verabschieden. Außerdem ist es an Ihnen zu beurteilen, ob eine Quelle neutral und vertrauenswürdig ist oder ob Sie beeinflusst und manipuliert werden sollen.

Wenn Sie das Fernsehen nutzen, um sich zu informieren, dann vergleichen Sie die Angebote der verschiedenen Sender miteinander, um sich ein möglichst vielschichtiges Bild zu machen. Wenn Sie beispielsweise hintereinander die Nachrichten im ZDF (19.00 Uhr), im MDR (19.30 Uhr) und in der ARD (20.00 Uhr) schauen, dann fällt Ihnen schnell auf, welche inhaltlichen und politischen Schwerpunkte die einzelnen Redaktionen setzen. Ergänzend dazu ist es interessant, die Nachrichten im Radio zu verfolgen.

Das Internet bietet Ihnen zusätzlich die Möglichkeit, die Leitartikel, Berichte und Reportagen vieler verschiedener Zeitungen und Magazine zu lesen. Beschränken Sie sich hierzu aber nicht auf einzelne Publikationen, die Sie schon lange kennen oder auf Informationsangebote, die Ihnen „Google News“ vorschlägt. Bedenken Sie, dass die dort angezeigten Meldungen sowohl von Ihrem eigenen Surfverhalten als auch von der Popularität der einzelnen Quellen abhängen. Besser ist es, wenn Sie Angebote wie Newstral  nutzen, um eine neutrale Übersicht der deutschsprachigen Presse zu erhalten.

Ergänzen Sie das Nachrichtenstudium durch den Besuch politischer Blogs im Internet. Hier sind meistens Autoren am Werk, die mit ihrer Arbeit keine finanziellen Interessen verbinden und die nicht von Werbeeinnahmen aus der Wirtschaft oder der Zugehörigkeit zu Medienkonzernen abhängig sind. Bevorzugen Sie Blogs, die auf der Basis von nachvollziehbaren Informationen und Quellen berichten.

Diskutieren und Publizieren

Sprechen Sie mit Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten oder Kollegen über politische und gesellschaftliche Themen. Bringen Sie Ihre Gedanken, Ideen und Vorstellungen in Diskussionen ein und verfolgen Sie, wie die Menschen in Ihrer Umgebung denken und urteilen. Nutzen Sie auch die sozialen Netze, um auf einen wichtigen Artikel oder eine interessante Reportage aufmerksam zu machen und diskutieren Sie auch dort über Politik.

Beteiligen Sie sich an Diskussionen und schreiben Sie selber Leserbriefe oder Kommentare auf den Internetseiten von Zeitungen, Zeitschriften, TV-Magazinen und in politischen oder gesellschaftskritischen Blogs. Mischen Sie sich ein, machen Sie auf andere Informationsquellen aufmerksam oder setzen Sie sich kritisch mit Inhalten auseinander, mit denen Sie nicht einverstanden sind.

Sprechen Sie politisch Verantwortliche auf kommunaler, regionaler und staatlicher Ebene direkt an. Schreiben Sie an Abgeordnete und machen Sie Ihrem Unmut Luft, wenn Sie mit etwas nicht einverstanden sind oder eine Entscheidung für falsch halten. Während Sie kommunale Vertreter persönlich vor Ort ansprechen können, bieten Ihnen Portale wie Abgeordnetenwatch die Möglichkeit, Fragen, Anregungen und Kritik unmittelbar an Bundestagsabgeordnete und Minister zu richten.

Wenn Sie sich zum Schreiben berufen fühlen, dann starten Sie selber ein Blog, in dem Sie Ihre Auffassungen, Einsichten und Einstellungen mit anderen teilen und diskutieren. Werden Sie Teil der „Gegenöffentlichkeit“ und behalten Sie Erkenntnisse, Wissen und Empörung nicht für sich selber sondern verbreiten Sie Ihre Gedanken und Einsichten per Internet.

Beteiligen und Engagieren

Petitionen und Unterschriftenaktionen bieten Ihnen die Möglichkeit, sich unmittelbar an politischen Diskussionen und Entscheidungen zu beteiligen. Die meisten dieser Aktionen stehen heute per Internet zur Verfügung. Die Teilnahme kostet von daher nur wenige Minuten Ihrer Zeit. Wenn Sie auf eine wichtige Aktion gestoßen sind, dann machen Sie auch Freunde, Verwandte und Kollegen in Ihrem persönlichen Umfeld und in den sozialen Netzen darauf aufmerksam.

Wenn es eine Partei gibt, mit deren Zielen und Grundsätzen Sie sich identifizieren können, dann treten Sie selber dort ein und beteiligen sich persönlich an der politischen Arbeit. Hier stoßen Sie auf Gleichgesinnte, vertiefen Ihr politisches Wissen und können an konkreten Aktivitäten teilnehmen.

Wenn es keine Partei gibt, die Ihren politischen Vorstellungen entspricht oder der sie beitreten wollen, dann informieren Sie sich stattdessen über außerparlamentarisch arbeitende Gruppen oder Organisationen. Wählen Sie einen inhaltlichen Schwerpunkt, der Sie besonders interessiert und machen Sie sich auf die Suche nach einer Initiative, die in diesem Bereich aktiv ist.

Wählen und Demonstrieren

Immer mehr Menschen wenden sich von politischen Entscheidungsprozessen ab, weil sie das System für überholt halten und der Politik nicht zutrauen, wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Verzichten Sie bei aller Verdrossenheit und Enttäuschung nicht darauf, Ihr Wahlrecht auszuüben. Selbst wenn eine Veränderung der Mehrheitsverhältnisse in der Kommune, der Region, im Landesparlament, dem Bundestag oder dem Europaparlament nicht dazu führt, dass sich die herrschenden Verhältnisse konsequent verändern: Wahlergebnisse sind zumindest ein wichtiges Zeichen für den Unmut und den Widerstand der Bevölkerung und bieten die Chance auf politische Veränderungen.

Bedenken Sie, dass vor allem konservativ-bürgerlich eingestellte Personen die Wahlen als Verpflichtung wahrnehmen und sich deshalb stärker beteiligen als Menschen, die sich nach politischen Alternativen sehnen. Führen Sie sich vor Augen, dass die Demokratiebewegungen in totalitär geführten Staaten vor allem für die Einführung des Wahlrechts eintreten und dafür häufig ihr Leben aufs Spiel setzen.

Nutzen Sie die Zeit vor einer Wahl, um sich umfassend über die antretenden Parteien, Ihre Grundsätze und Ihre Ziele zu informieren. Studieren Sie die Parteiprogramme, sprechen Sie mit den Vertretern und nutzen Sie Ihr politisches Langzeitgedächtnis, um zwischen Wahlversprechen und realer Politik unterscheiden zu können.

Beschränken Sie Ihre demokratische Mitbestimmung aber nicht auf den Urnengang sondern beteiligen Sie sich an Demonstrationen und Protesten, wenn Sie sich mit deren Zielen identifizieren können. Lassen Sie Menschen, die sich für ihre Überzeugungen auch auf den Straßen und Plätzen engagieren, nicht alleine sondern unterstützen Sie Bewegungen und Aktionen mit Ihrer Anwesenheit und Ihrer Stimme.

Konsumieren und Selektieren

Neben allen Möglichkeiten der konkreten politischen Arbeit und Aktivität haben Sie auch die Möglichkeit, durch Ihr Konsumverhalten Einfluss auf die bestehenden Verhältnisse zu nehmen. Unternehmen und Konzerne, die in Ihren Augen gegen humanitäre und soziale Regeln verstoßen, können ihre Konzepte und Strategien nur dann aufrecht erhalten, wenn ihre Produkte gekauft und ihre Dienstleistungen in Anspruch genommen werden.

Machen Sie sich auf die Suche nach einer Bank, deren Geschäftspraxis nicht gegen ethische Grundsätze verstößt. Entscheiden Sie sich für einen Energieversorger, mit dessen Konzepten zur Energieerzeugung Sie einverstanden sind. Verzichten Sie auf Produkte, von denen Sie wissen, dass sie unter Einsatz von Kinderarbeit oder unter anderen, unmenschlichen Bedingungen erzeugt werden.

Kaufen Sie nicht bei Discountern und Ladenketten, die ihre Mitarbeiter unterdrücken und die ihren Gewinn auf Kosten der Lebensverhältnisse und der Würde von Menschen in anderen Ländern erwirtschaften. Wenn Sie die Wahl haben, dann greifen Sie zu fair gehandelten Produkten. Verzichten Sie auf Lebensmittel, die über extrem weite Strecken transportiert werden müssen und bevorzugen Sie stattdessen Waren aus der Region. Wenn Sie Fleisch essen, dann kaufen Sie es dort, wo Sie die Herkunft, die Aufzuchtbedingungen und die Einhaltung des Tierschutzes nachvollziehen können. Wenn Sie die Wahl haben, dann unterstützen Sie mit Ihrem Einkauf kleine und dezentrale Händler in Ihrer direkten Umgebung, bei denen Sie sich vergewissern können, dass sie mit Mitarbeitern, Ressourcen und Geschäftspraktiken verantwortlich umgehen.

Sinkende Renten, Niedriglohn und Regelsätze der Sozialhilfe unterhalb des Existenzminimums zwingen immer mehr Menschen dazu, ihre Grundversorgung über möglichst preiswerte Produkte und Dienstleistungen zu decken, die oft unter höchst zweifelhaften Bedingungen erzeugt werden. Je niedriger die Einkünfte, desto schwerer fällt ein verantwortungsbewusster Konsum. Grundsätzlich möglich ist die Selektion von Produkten und Anbietern aber auch mit wenig oder sehr wenig Geld. Waren vom regionalen Bauernhof oder vom Wochenmarkt sind oft preiswerter als die Angebote beim Discounter. Lassen Sie es nicht zu, dass Ihre eigene soziale Situation die Ursache dafür bildet, sich an der Ausbeutung von Menschen, denen es noch schlechter geht, zu beteiligen.

Zivilcourage und Widerstand

Wenn Sie Unrecht beobachten, dann sollten Sie den Mut aufbringen, dagegen anzutreten. Unrecht beginnt bereits bei unbedachten Bemerkungen, mit denen „andersartige“ Menschen verspottet, beleidigt oder diffamiert werden. Wenn solche Äußerungen in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, im Verein oder auf der Straße fallen, dann machen Sie deutlich, dass Sie nicht einverstanden sind.

Wenn Sie Zeuge eines tätlichen Angriffs werden, dann lassen Sie sich nicht von der eigenen Angst vor dem Angreifer beirren und mischen Sie sich ein. Wenn Sie sich fürchten, dann schließen Sie sich mit anderen zusammen, um gemeinsam einzuschreiten. Stehen Sie dem Opfer solche Angriffe zur Seite und bieten Sie sich als Zeuge an, statt einfach wegzusehen und weiterzugehen.

Auch Unrecht in Behörden und auf Ämtern, am Arbeitsplatz oder in der Politik sollten Sie nicht unwidersprochen hinnehmen. Trauen Sie Ihrem Gefühl, wenn Sie etwas nicht für richtig halten. Sagen Sie offen Ihre Meinung, sorgen Sie für eine Diskussion in der Öffentlichkeit und setzen Sie sich mutig für Ihre und die Interessen anderer ein.

Am Ball bleiben und kreativ werden

Selbst die strikte Berücksichtigung und Einhaltung der aufgeführten Strategien, Anregungen und Verhaltensweisen wird nicht in der Lage sein, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf kurze Sicht umfassend zu verändern und zu verbessern. Und doch ist das Verhalten jedes Einzelnen Voraussetzung und erster Schritt in Richtung auf eine gerechtere, demokratischere, friedlichere und sozialere Gesellschaft.

Der Feind der positiven Veränderung ist die Gleichgültigkeit. Gedanken wie „Ich alleine kann ja doch nichts ausrichten“ oder „Die da oben machen doch sowieso was sie wollen“ sind jedem vertraut, der sich politisch engagiert. Die Versuchung ist sehr groß, ein wichtiges Thema schnell wieder aus den Augen zu verlieren und sich auf die bequeme Passivität des Privatlebens zurückzuziehen. Doch genau hier entscheidet sich, ob der öffentliche Druck ausreicht, um eine Veränderung zu erzwingen oder ob ein berechtigtes Engagement nach kurzer Zeit wieder „einschläft“ und alles so bleibt wie es war. Bleiben Sie am Ball, wenn Sie ein wichtiges Thema oder Anliegen für sich entdeckt haben. Geben Sie keine Ruhe und riskieren Sie es, als „Nervensäge“ betrachtet zu werden.

Eine offene Gesellschaft lebt von der Beteiligung aller Menschen, die in ihr leben. Werden Sie kreativ und nutzen Sie alle Möglichkeiten, die Ihnen zur Verfügung stehen, um sich lautstark und entschieden einzubringen und zu beteiligen. Entwickeln Sie eigene Konzepte und schließen Sie sich mit anderen zusammen, die ähnlich oder gleich denken und empfinden. Lassen Sie sich die Verantwortung für unsere Lebensumstände nicht aus der Hand nehmen und werden Sie selber zum Teil einer besseren Gesellschaft: Sie sind viel mehr, als Sie denken.

 

69 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Revolution

69 Antworten zu “Wir sind empört! Und jetzt?

  1. Pingback: Jacobs Woche (25.12. – 31.12.2011) | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

  2. MichelDtld

    Empörung ist gut und Hintergrundinformationen unerlässlich. Das findet man bereits allerorten. Echt langweilig!
    Keiner aber will sich dazu äußern, wie die beklagten Zustände zu ändern sind.
    Na, jetzt komme ich aber in die Kritik. Hat doch JJ bereits alles aufgezeigt.
    Für Lieschen Müller die richtige Strategie. Mehr auch nicht. Alles mit viel Fleiß aufgearbeitet und bestens formuliert, wird eben nur an der Oberfläche geschürft.
    Effektive Strategien werden nicht angeschnitten und gleich gar nicht diskutiert.
    Interessant wäre doch zu überlegen, wie der Souverän seine Politiker in den Griff bekommt, oder?

    Viel Glück und Ausdauer in 2012

  3. Pingback: Wir sind empört! Und jetzt? | thebabyshambler

  4. Dieser Artikel passt auch gut dazu. Wenn keiner mehr wählen ginge, müsste neu angefangen werden: http://krisenfrei.wordpress.com/2012/01/12/es-sind-wahlen-und-keiner-geht-hin/#comment-2123

    • mk

      Weg zurück ins Glück ?
      Und wenn dann EINER doch wählt, sind wir wieder in 1933?

      • Wenn ich mir die Situation in den USA anschaue, dann frage ich mich, wie weit es dort noch ist zu einer Situation wie wir sie mit 1933 hatten. Inzwischen darf das Militär dort schalten und walten mit ihren Bürgern wie es will. Und das, obwohl es dort eine Demokratie mit Wahlmöglichkeit gibt …

  5. nun – JETZT fangen wir mit aktionen an !

  6. Wie immer gibt es auch hier nur zwei Antworten, die eine Änderung herbeiführen können. Auf die Strasse gehen mit totaler Verweigerung. Generalstreik und Blöckaden bis Banker und Regierung bei Margot Honnecker zum Bridge in Chile sitzen.
    Oder der gewwaltsame bewaffnete Widerstand. Zu dem kann man aber nicht raten. In Brasilien sind 90 % der Waffen in Privat besitz, 10% beim Staat. Bei uns ist der Staat 98% Eigentümer aller Waffen und ohne jede Skrupel bei Gewalt genüßlich „aufzuräumen“. Dass es möglich ist, Regierungen und Zustände zu pensionieren, haben uns die Deutschen in der DDR GERADE VORGEMACHT

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