KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder

11.3.2012 – Seit dem 5. März dieses Jahres macht im Internet ein Kurzfilm mit dem Titel „KONY 2012“ die Runde und gehört schon jetzt zu den meistgesehen und meistgeteilten Videos aller Zeiten. Der Film macht auf den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony aufmerksam, dessen Rebellengruppe „LRA“ seit ihrer Gründung im Jahr 1986 bis zu 60.000 Kinder entführt und zu Soldaten gemacht hat und die für die Vertreibung von rund zwei Millionen Menschen verantwortlich ist.

Auf den ersten Blick ist man beeindruckt von der enormen Resonanz im Netz, von den vielen Unterstützern und dem vordergründigen Erfolg der Kampagne. Beschäftigt man sich allerdings näher mit den konkreten Zielen der Aktion, mit den Motiven und der Arbeitsweise ihrer Macher und der aktuellen Situation in Uganda, dann kommen Zweifel daran auf, ob „KONY 2012“ wirklich unterstützenswert ist.

Joseph Kony und die LRA

Joseph Kony wurde 1961 in Uganda geboren und erhielt nach eigenen Angaben 1986 den Befehl vom „heiligen Geist“, die „Lord’s Resistance Army“ (LRA) zu gründen, um gegen die ugandische Regierung unter Präsident Yoweri Musevini zu kämpfen. Das Ziel der LRA („Widerstandsarmee des Herrn“) besteht im Aufbau eines theokratischen Herrschaftssystems in Uganda, das konsequent auf den zehn Geboten und der Bibel basieren soll.

Kony selber bezeichnet sich als Geistermedium, Gebieter und Befreier. Seit 1986 haben er und die LRA zwischen 30.000 und 60.000 Kinder entführt. Jungen wurden manipuliert zu Kindersoldaten gemacht, Mädchen missbraucht und zwangsverheiratet. Im Oktober 2005 erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen Joseph Kony. Die Anklage umfasst insgesamt 33 Punkte, darunter 21 wegen Kriegsverbrechen und 12 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

2006 floh Kony in die Demokratische Republik Kongo, wo auch die LRA heute immer noch aktiv ist. Von Kony selber gibt es seitdem kein Lebenszeichen. Es scheint sicher, dass er sich seit sechs Jahren nicht mehr in Uganda aufgehalten hat. Einige Beobachter gehen sogar davon aus, dass Kony längst tot ist.

Die Kampagne „KONY 2012“

Die Kampagne „KONY 2012“ stammt von der US-amerikanischen NGO „Invisible Children“ mit Sitz in San Diego. Ziel der Kampagne ist die Bekanntmachung und Festnahme von Joseph Kony bis zum Jahresende 2012. Die Organisation entwarf und produzierte hierzu einerseits ein „Action Kit“ mit Materialien wie Plakaten, Aufklebern und Armbändern und veröffentlichte andererseits den Kurzfilm „KONY 2012“.

Der Film stammt von dem Filmemacher und Invisible Children Gründer Jason Russell und wurde seit vergangenem Montag alleine auf YouTube mehr als 70 Millionen mal aufgerufen. Er selber und sein kleiner Sohn spielen hierin die Hauptrollen. Der Zuschauer erlebt die Situation in Uganda anhand von Dialogen zwischen Vater und Sohn, bei denen Russell dem Kind erklärt, dass Joseph Kony böse sei und gestoppt werden müsse.

Hierzu erzählt Russell von seiner Begegnung mit dem ugandischen Jungen Jacob, der selber Kindersoldat der LRA war und den der Filmemacher 2003 in Uganda getroffen und interviewt hat. Originale Filmaufnahmen aus Uganda und den USA, Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen und die selbst eingesprochenen Texte von Jason Russell zeichnen die Methoden und Verbrechen von Joseph Kony nach, während immer wieder Szenen eingefügt werden, in denen der kleine Sohn von Russell entsetzt auf die Ereignisse reagiert.

Der Film fordert den Zuschauer auf, selber aktiv zu werden und sich an der Kampagne von Invisible Children zu beteiligen. Sie sollen das „Action Kit“ für 30 Dollar bestellen, die Organisation finanziell unterstützen, das Aktionsmaterial verbreiten, sich der Kampagne bei Facebook anschließen und den Film über soziale Netze, Blogs und persönliche Kontakte noch bekannter machen.

Unterstützer, Spenden und Ziele

Auf ihren Internetseiten wirbt die Organisation Invisible Children mittlerweile mit einer ganzen Reihe prominenter Unterstützer aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Hierzu zählen einerseits bekannte Künstler wie Lady Gaga, Angelina Jolie oder Justin Bieber, andererseits Unternehmer wie Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Warren Buffett und auch Politiker wie George W. Bush, Condoleeza Rice, Mitt Romney oder Bill Clinton.

Das „Action Kit“ wurde in den letzten Tagen so stark abgerufen, dass es inzwischen ausverkauft ist. Invisible Children verzeichnet hohe Einnahmen und sah sich, nachdem Vorwürfe über die Mittelverwendung erhoben wurden, veranlasst, offenzulegen, wie die Spenden und Einnahmen verwendet werden.

20 Prozent der Einkünfte fließen danach unmittelbar in die eigene Verwaltung. Von dem Rest werden jeweils ein Drittel für politische Lobbyarbeit und ein Drittel für die Finanzierung von Filmen ausgegeben. Lediglich das übrige Drittel wird eingesetzt, um Projekte und Aktionen in Uganda selber zu finanzieren. Im Video „KONY 2012“ werden die Zuschauer dazu aufgerufen, an eine Organisation mit dem Namen „TRI“ zu spenden. Deren Einnahmen werden sogar vollständig zur Finanzierung von Lobbyarbeit eingesetzt.

Als Erfolg der eigenen Arbeit werten es Jason Russell und Invisible Children, dass die US-amerikanische Regierung im Oktober 2011 die Entsendung von 100 bewaffneten Militärberatern nach Uganda autorisiert hat, die das ugandische Militär dabei unterstützen sollen, Joseph Kony zu fassen.

Die Kampagne „KONY 2012“ verfolgt unter anderem das Ziel, eines militärischen Eingreifens durch die USA in Uganda. Der öffentliche Druck, den die Aktion aufbaut, soll verhindern, dass die Truppen wieder abgezogen werden und dazu führen, dass die USA ihre Anstrengungen verstärken.

Zweifelhafte Kampagne

Es ist sehr schwer, sich gegen etwas einzusetzen, was von so vielen Menschen mit gutem Willen befürwortet und unterstützt wird. Da höre ich förmlich ein „Du hast aber auch an allem etwas auszusetzen“ oder ein „Da engagieren sich mal Millionen von Menschen und es ist Dir wieder nicht recht“.

Ich nehmen es in Kauf, dass mein Standpunkt angreifbar ist und auch angegriffen wird. Ich halte die Kampagne „KONY 2012“ aus verschiedenen Gründen für ungeeignet, um gegen Kriegsverbrechen, Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen zu kämpfen und ich will begründen, warum ich zu dieser Auffassung gelangt bin.

Mein hauptsächlicher Kritikpunkt bezieht sich auf das eigentliche Ziel der Kampagne. Wer das Video in den sozialen Netzen teilt, sich bei Facebook der Organisation anschließt oder Geld an Invisible Children spendet, der beteiligt sich selber nicht aktiv daran, Joseph Kony zu suchen, zu verhaften oder vor Gericht zu stellen. Er unterstützt damit lediglich die Zielsetzung der Kampagne, die darauf abzielt, in Uganda militärisch einzugreifen.

Abgesehen davon, dass ich es für falsch halte, Gewalt mit Gewalt zu beantworten: Joseph Kony hält sich nachweislich bereits seit Jahren nicht mehr in Uganda auf. Bei den anderen Mitgliedern der LRA handelt es sich größtenteils um genau die Kinder, die von Kony entführt, missbraucht, manipuliert, bewaffnet und zu Soldaten ausgebildet wurden. Diese Kinder brauchen keine militärischen Interventionen und keine Bomben sondern humanitäre Hilfe und Unterstützung sowie medizinische und psychologische Betreuung.

Die Kampagne unterstützt, teils direkt und teils indirekt, die Regierung und das Militär in Uganda. Präsident Yoweri Museveni ist dort seit mehr als 25 Jahren an der Macht. Das Land ist nicht demokratisch, es gibt kaum soziale Unterstützung für die Bevölkerung und Menschenrechtsverletzungen durch die Regierung sind üblich und gut dokumentiert. Ein Beispiel hierfür ist das gesetzliche Verbot von Homosexualität. „Überführte“ Homosexuelle müssen in Uganda lange Haftstrafen verbüßen. Immer wieder wird die Einführung der Todesstrafe für homosexuelle Handlungen diskutiert.

Selbst wenn Joseph Kony noch lebt und man ihn fassen und vor Gericht stellen könnte: Die Situation der Menschen in Uganda würde sich dadurch nicht verbessern. Stattdessen wird die korrupte ugandische Regierung aufgewertet und ihr Militär, das selber unter dem Verdacht steht Menschenrechte zu verletzen und brutal gegen Oppositionelle vorzugehen, personell oder finanziell unterstützt. Hierdurch werden die Probleme in Uganda nur verschärft.

Die Menschen dort leiden heute längst nicht mehr unter Joseph Kony, der sich seit Jahren nicht in Uganda aufgehalten hat. Der Bürgerkrieg ist vorbei, die Flüchtlingslager existieren nicht mehr und die LRA wird von den meisten Menschen nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Stattdessen fehlt es in Uganda an Geld und an Ressourcen, an einer flächendeckenden Grundversorgung der Bevölkerung, an medizinischen Einrichtungen, an Lehrern, an demokratischer Mitbestimmung und an der Einhaltung der Menschenrechte.

Klickend Gutes tun?

Der Film von Jason Russell ist undifferenziert. Er zeichnet ein einfaches Bild von Gut und Böse, ohne auf die tatsächlichen Lebensumstände im heutigen Uganda und deren wirkliche Ursachen einzugehen. Invisible Children generiert durch die Kampagne Einnahmen in Millionenhöhe, von denen nur ein kleiner Teil der betroffenen Bevölkerung zugute kommt, während der Großteil in die Organisation selber, in die politische Lobbyarbeit und in die Finanzierung weiterer Filmprojekte des Filmemachers Jason Russell fließt.

Den Zuschauer hinterlässt das Video in dem guten Gefühl, durch das Teilen auf den sozialen Netzen, die Weiterverbreitung des Films oder die finanzielle Unterstützung der Organisation einen Beitrag gegen Kriegsverbrechen, Unrecht und Ungerechtigkeit zu leisten.

Hierzu wird mit filmischen Mitteln gearbeitet, die nicht aufklären, sondern an wirkungsvolle Werbe- und Medienkampagnen in bester Hollywood-Manier erinnern. Ein Kleinkind erklärt uns, was zu tun ist und teilt mit uns die polarisierende Einschätzung über das Gute und das Böse in der Welt. Originale Filmausschnitte werden beliebig zusammengeschnitten, ganz unabhängig davon, ob sie die Situation in Uganda von 2003 oder von heute beleuchten. Und damit sich wirklich jeder der Auffassung des Filmemachers anschließen kann, wird im Zusammenhang mit Joseph Kony, völlig unkommentiert, ein Bild von Hitler eingeblendet.

Keine Frage: Bei Joseph Kony handelt es sich um einen furchtbaren Kriegsverbrecher, der für das Unglück sehr vieler Menschen, hierunter unzählige Kinder, verantwortlich ist. Wenn Kony noch lebt, dann muss er verhaftet und vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden, der ihn bereits seit 2005 per Haftbefehl sucht. Dieses Ziel allerdings mit militärischen Mitteln oder sogar einer Intervention von US-Truppen in Uganda und seinen Nachbarstaaten erreichen zu wollen, bedeutet Unrecht mit Unrecht zu vergelten, billigend in Kauf zu nehmen, dass weitere Unschuldige zu Schaden kommen und mit der derzeitigen Regierung in Uganda ein System aktiv zu unterstützen, das weder demokratische Standards und die Menschenrechte einhält, noch seine Bevölkerung mit den notwendigen sozialen, medizinischen und kulturellen Leistungen versorgt.

Wer tatsächlich etwas für die Bevölkerung in Uganda tun will, der sollte sich ein Beispiel an dem deutschen Blogger Sören nehmen, der seit August 2011 im Rahmen des „weltwärts-Projektes“ für ein Jahr im Westen Ugandas lebt und dort als Freiwilliger eine örtliche Berufsschule unterstützt. In seinem Blog „Meursault in Uganda“, schreibt Sören regelmäßig über seine Erlebnisse und Erfahrungen in dem afrikanischen Land. Die Lektüre seiner interessanten, aufschlussreichen und sehr anschaulichen Artikel gehört für mich seit einigen Monaten zur täglichen Routine, die ich an dieser Stelle jedem empfehlen möchte.

69 Kommentare

Eingeordnet unter Außenpolitik, Kultur, Politik

69 Antworten zu “KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder

  1. Heute Abend lief in der 3-Sat-Kulturzeit ein Beitrag über Joseph Kony, mit dem gleichen Titel wie dieser Post hier. Auch die Ausführungen gingen weitesgehend mit deinen überein.
    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=29856

    • Ja, wir haben das ja bereits bei dem Gutten Herrn und ebenso bei unserem Gauckler erlebt, WIE sie das einsetzen.

      KenFM stellt auch ganz öffentlich die Frage, wie es denn möglich ist, dass in so kurzer Zeit so viele Menschen das Video sehen? Ob da nicht die Bande, die einen Krieg nun auch in Uganda (wieder!?) würnscht nicht selbst am klicken ist….

      Dieses System (wie jedes andere) ist manipulierbar. Selbstverständlich. Und selbstverständlich werden Menschen diesen manipulierten Klicks und Daten glauben schenken – bis sie es durchschaut haben. Was können wir tun?
      Nur eins: Aufklären, aufklären, aufklären. Immer und immer wieder, egal wie oft uns vorgeworfen wird, die Miesmacher zu sein. Die Ereignisse werden uns recht geben. Und je öfter sich unsere Prognosen bewahrheiten desto eher wird der Wahrheit geglaubt.

      Wie sagte meine Großmutter immer? Und ist es noch so fein gesponnen, so kommt es doch ans Licht der Sonnen.

  2. Hannibal Lecter

    Sehr erfreut habe ich diesen Kommentar zur Kennrtnis genommen, denn diesen Absatz kenne ich sehr gut:
    „Es ist sehr schwer, sich gegen etwas einzusetzen, was von so vielen Menschen mit gutem Willen befürwortet und unterstützt wird. Da höre ich förmlich ein „Du hast aber auch an allem etwas auszusetzen“ oder ein „Da engagieren sich mal Millionen von Menschen und es ist Dir wieder nicht recht“.“
    Zwei Ergänzungen möchte ich aber anbringen um das ganze auch in einen grösseren Zusammenhang zu stellen.
    Auch ein so widerlicher Typ wie Kony ist letztlich nur eine Konsequenz des „Schaffens“ viel grösserer Verbrecher, um nur einen davon zu nennen, König Leopold von Belgien. Es sei jedem, dem dieser Herr weitgehend unbekannt ist, empfohlen Details über das Wirken dieses abscheulichsten aller Verbrecher-Kolonialisten zu recherchieren. Seine Methoden sind eine wichtige Facette im Wissen um den Ursprung unseres Reichtums in Europa.
    Meine zweite Ergänzung halte ich für ein schwerwiegenderes, weil die Zukunft angehendes Problem. So sehr man manche Dinge an den Anonymus Kampagnen auch befürworten kann, so zeigt sich in der „Kony“ Kampagne dasselbe Problem. Man kann auf diese Art über die „sozialen“ Netzwerke manipulieren, gerade Menschen die über Facebook ihr Leben gestalten in dem sie mit Gleichgesinnten geistige Inzucht betreiben, anstatt sich tatsäch zu informieren. Der Terrorismus, Greichenland und die Banken fallen einem da als Themen ein, zu denen die Masse an Meinungen zum tatsächliche Wissen über diese in einem eklatanten Widerspruch stehen.
    So können mit offensichtlichen Zielen, interessierten Kreise identische Kampagnen wie gegen Kony auch gegen politische Gegner inszenieren. Man muss sich nur die Berichtserstattung über die Vorgänge in des „arabischen Frühlings“ anschauen um zu begreifgen was da alles möglich ist.
    In amerikanisch/israelischem Interesse kann man mit manipulierender, einseitig diffamierender „Information“ zu Morden an unliebsamen Füherern der Gegenseite aufrufen, genauso wie man mit denselben Mitteln zum Asnchlag auf die Netanjahus der Welt aufrufen kann.
    Eine solche „Arbeitsweise“ ist den einschlägigen Geheimdiensten natürlich nicht verborgen geblieben und man wird sie anwenden, und zwar mit Erfolg. Denn wenn man sich unsere heutigen Medien oder erst recht die anderer Länder, wie zB den USA anschaut, dann kann man nicht daran zweifeln dass die Methode populär werden und funktionieren wird.

  3. OMJ

    Zugegeben: die Kampagne ist plakativ, Kritikpunkte & Skepsis durchaus berechtigt. Die Recherche dazu und das Hinterfragen bei mündiger Netznutzung allerdings auch keine Hexerei.

    Andererseits bereitet mir die vehemente Anfeindung mindestens ebenso Bauchschmerzen: spätestens wenn berechtigte Kritik an US-Außenpolitik (welcher europäische Staat vertritt nochmal humanitäre Ziele ungeachtet seiner ökonomischen Eigeninteressen?^^) wieder in Verschwörungs-theorien zerläuft und v.a. die Arbeit sämtlicher NGOs und Sozialprojekte aller Art pauschal in Frage gestellt werden (s.div.Kommentare).

    Ich sehe es pragmatischer: Afrika ist wieder einmal in den Fokus gerückt worden. Wenn die plakative und provokative Art der Kampagne zu einer breiter gestreuten Wahrnehmung, möglicherweise sogar zu länger anhaltender Aufmerksamkeit oder gar einem realen Engagement führt, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Nkosi Sikelel‘ iAfrika!

    • Ich glaube hingegen nicht, dass diese Kampagne zu länger anhaltender Aufmerksamkeit für die Probleme auf dem afrikanischen Kontinent führt und schließe mich der Kritik an der Kampagne an, ohne jedoch pauschal Hilfsprojekte etc. in Frage zu stellen.

      Doch: Für länger anhaltende Aufmerksamkeit braucht es Interesse.

      Durch diese Kampagne mit ihrem Filmchen wird zunächst nur eine emotionale Seite angesprochen. Hach nein, wie schlimm, denken sich da die Leute und haben schon vergessen, dass im Fernsehen, in Magazinen etc. schon mehrmals von Bürgerkriegen und Kindersoldaten in Afrika berichtet wurde. Jetzt aber ist es bei Facebook und Twitter zu lesen, d.h. man kann aktiv werden, also schnell „liken“ oder „sharen“ und man hat etwas für diese armen Seelen getan. Das schlechte Gewissen ist beruhigt und man muss sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen.
      Wer sogar noch mehr tun will, der spendet und unterstützt damit tatsächlich im schlimmsten Fall eine Kampagne, die auf eine militärische Intervention zielt.

      Aber: Wenn US-amerikanisches Militär dort eine große Offensive führen sollte, dann wäre vielleicht auch durch die us-amerikanische Berichterstattung länger anhaltende Aufmerksamkeit gewonnen — zu welchem Preis aber?

      • Michael Morawietz

        @mercfalk
        Dein Kommentar illustriert sehr schön meine Abneigung z.B. gegen die ( wohlgemerkt aus meiner Sicht ) schwachköpfige „Daumen rauf/Daumen runter“ – Symbolik.
        Ich wünsche mir, dass Jacob Jung eines Tages dieses „soziale Feature“ ersatzlos aus seinem Blog rausschmeisst. Die Leute sollen sich der Mühe unterziehen die es macht, wenn man das eigene Für und Wider in Worte fassen muss.
        Immer dann, wenn ich mir überlege, welche Natur z.B. „Facebook“ oder „Twitter“ zu Grunde liegen könnte, dann frage ich mich gleichzeitig immer auch, was das Wort „sozial“ in diesem Zusammenhang eigentlich genau bedeuten soll. Ich bin da leider noch zu keiner mich befriedigenden Erklärung gekommen, aber ich arbeite daran. Bisher lebe ich noch mit der Arbeitsvorstellung, dass es sich bei „Facebook“ um ein gigantisches interaktives Werbeplakat handelt und bei „Twitter“ um eine werbefinanzierte mechanisierte Tratsch-Verteilungsplattform.

        Jetzt habe ich mich echt bemüht, es mit 126 Zeichen zu sagen. Würde bitte mal einer nachprüfen, ob es mir gelungen ist, denn ich selbst kann gerade mal bis Drei zählen.

        • schwachköpfige “Daumen rauf/Daumen runter” – Symbolik.
          Hier gehe ich nicht mit. Durch diese Symbole ist es möglich, meine Zustimmung oder Ablehnung kund zu tun, ohne „Einverstanden“ oder „nicht einverstanden“ drunter schreiben zu müssen.

          Auch wenn ich im Gespräch mit jemandem bin, begründe ich meine Zustimmung/Ablehnung nicht immer, sondern nicke nur oder schüttele den Kopf.

          Auch in Deiner vollkommenen Ablehnung von Facebook/Twitter und anderen sozialen Netzwerken hast Du m.E. eine sehr einseitige Sicht, die der negativen Propaganda derer entspricht, die das Internet am liebsten verbieten wollen.

          Wenn Dir die Werbung nicht gefällt, schalt sie aus (ich habe keine Werbung auf keiner Seite irgendwo im Netz – Adblock ist ein sehr gutes Programm dafür).

          Twitter lebt nicht nur von den 140 Zeichen, sondern vor allem von den mitgesandten Links.

          Es ist zu sehen, dass Du die social networks wohl nicht wirklich kennst und nicht mit ihnen arbeitest.

          Was ich zu lesen bekomme, hängt davon ab, mit wem ich mich verbinde. Es ist also vollkommen von meiner Auswahl der Kontakte abhängig, ob ich „gequirlte Sch*e“ und Katzenbilder oder wertvolle Informationen plus Hintergrundinformationen, die ich sonst nicht erhalte, zu lesen bekomme oder vielleicht auch beides?

          Vor-(Ver-)Urteile haben jedoch noch nie geholfen.
          Deine Vorurteile sind denen sehr ähnlich, die gegen die Bücher, Zeitungen, Funk und Fernsehen erhoben wurden als sie neu waren…

          Wem nützt das?

        • Michael Morawietz

          @Solveigh Calderin
          Hi,
          bitte glaub mir, dass ich weniger radikal in diesen Dingen bin, als ich mich mit meinem Kommentar dargestellt habe. Aber wie Du bereits in Deiner Antwort an mich selbst sagst, man klickt mal eben auf eine der mundgerecht vorgefertigten Meinungen, hier z.B. „Daumen rauf/Daumen runter“ und fertig ist man damit. Meine Kritik zielt eigentlich genau darauf ab und würde nicht weniger ätzend ausfallen, wenn es sich anstatt Caesars Daumen um die beliebten Amazon-Sternchen handelte.

          Stell Dir vor, der nette Lehrer in der Schule vergibt für die Darstellung einer politischen Ansicht eine 1+ bis 6- , oder für ein Bild, das jemand im Kunstunterricht gemalt hat. Das ist der gleiche Scherz in violett.

          Twitter und Facebook sind reine Werbeplattformen. Man schafft dort einen „kostenlosen Lebensraum“, damit die Menschen sich dort auch wirklich tummeln und hängt dann überall seine Werbung auf. Fast wie im richtigen Leben, da kannst Du auch schon nirgendwo mehr langlaufen, ohne dass man Dich mit Werbung bombardiert.

          Solange das den Facebook/Twitter-Usern klar ist, ist alles noch im grünen Bereich. Übrigens, der größte Ätzbrocken in dieser Clique ist noch immer Google. Ich kenne einen, der kriegt feuchte Augen und kommt ins Schwärmen, wenn er von Google spricht.

          Also, liebe Solveigh, ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass ich zur masslosen Übertreibung fähig bin, wenn mich zwischendurch mal so ein kleiner Ausraster zwickt. Lass Dich nicht davon anmachen, wenn mir das hier schon wieder passiert ist.

          Und danke für Deine ausführliche Antwort und das Du mir keinen Daumen verpasst hast🙂

          Gruss
          Michael

        • Vielen Dank für die Differenzierung Deines Kommentars.

          Da Du wieder darauf abstellst, dass die sozialen Netzwerke lediglich „Werbeplattformen“ für die (großen) Unternehmen sind, kann ich das nicht einfach so stehen lassen. Selbstverständlich nutze ich die sozialen Netzwerke auch als Werbeplattform.

          Soziale Netzwerke sind immer nur so gut oder schlecht, wie wir sie machen und/oder nutzen. Wie gesagt, Werbung kann auch sehr gut ausgeblendet werden… und Ignoranz ist hier richtig gut…😀

          Manche „Werbung“ ist allerdings so gut, dass ich ihr folge… Das ist dann allerdings keine professionelle – siehe meine notorische Ignoranz…

          Und ist es nicht auch Werbung, wenn ich Jacobs Artikel hier bei google + veröffentliche, wodurch es zeitgleich auf facebook und Twitter und von da aus auf mindestens zehn weiteren „sozialen Netzwerken“ verbreitet ist? Soll ich nun also diese sozialen Netzwerke verteufeln als „nutzt ja nur den Werbeleuten und großen Unternehmen“?

          Twitter ist für mich zum Beispiel vor allem eine Möglichkeit über ein bestimmtes Thema schnell und effektiv Informationen, weil auch viele verschiedene Meinungen dazu eingeschlossen sind, aus der ganzen Welt zu sammeln. Englische Lesekenntnisse (mindestens) sind natürlich von absolutem Vorteil, wenn ich kein einseitiges von den deutschen Medien vorgegebenes Bild bekommen möchte. Ich sollte dann natürlich auch den Links der Tweets, die ich für interessant halte, folgen, um das vollständige Bild zu bekommen. Und was vom Tweet-Text her noch okay klingen mag, kann durch den Link an Wert verlieren – oder umgekehrt.

          Es kommt ganz stark darauf an, wie wir diese Werkzeuge nutzen oder ob wir die Nutzung der Werkzeuge ausschließlich den Profiteuren überlassen, weil sie ja doch „bloß Werbeplattformen“ und „Datensammelstellen für die Geheimdienste“ (wirklich??) sind!

        • P.S. Das Informationen sammeln bei Twitter funktioniert über die Suchfunktion durch Eingabe des Suchwortes/-phrase und/oder von #Schlagwörtern.
          Aus meinem Stream etwas herauszufiltern, ist natürlich reichlich schwierig.

        • Michael Morawietz

          @Solveigh Calderin
          Ich möchte Dir wie folgt zustimmen und hoffe, dass ich Dich richtig verstanden habe und Dir damit nichts in den Mund lege: Es kommt darauf an, wie und zu welchem Zweck man ein Werkzeug nutzt. Das Werkzeug selbst ist wertneutral, man kann höchstens dessen Nutzung bewerten.

          Gruss
          Michael

      • OMJ

        Frau Berg hat sich der Problematik ja auch angenommen:
        http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,811778,00.html

        oder also wie es Heiner Müller in einem Satz zu formulieren vermochte:
        „Hoffnung ist nur ein Mangel an Information“?😉

  4. Pingback: KenFM über: Joseph Kony 2012 | a-bit.de

  5. ich stimme voll und ganz mit deinen ausführungen überein. in seiner undifferenziertheit ist der film nicht nur irreführend sondern schädlich. er lenkt den blick von den ursachen der situation in uganda auf eine absolut primitive konstruktion von gut (wir und john kerry!) versus böse (kony, osama, hitler). damit spielt er denen in die hände, die maßgeblich an der situation in uganda, im kongo und anderswo beteiligt sind. und das schlimmste ist, dass man sich mit nur fünf minuten googlerecherche ein ausgewogenes bild verschaffen kann.

  6. Pingback: Gemischtes am Dienstag « ziegenhodensuppe

  7. prosanktart

    Reblogged this on SANKT & ART.

  8. Anne

    Der Film über KONY zeigt deutlich die Missstände, die brutalen Verbrechen an der ugandischen Bevölkerung – im speziellen die furchtbaren Kindesverbrechen auf! Zugegeben, das ist nur EINE Wahrheit, die in Uganda existiert. Diese EINE Wahrheit wurde durch den Film von Russel und seinem Sohn einmal ins Licht der Öffentlichkeit gerückt! Ist es nicht interessant, dass gerade diejenigen, die diesem Film so skeptisch gegenüberstehen, überhaupt nicht auf die himmelschreienden Verbrechen an diesen Menschen, selbst eingehen und/oder aktiv Vorschläge liefern würden, wie man dieses Projekt noch besser unterstützen könnte??? Zu kritisieren ist immer ein leichtes! Klar, wir sollen nicht naiv alles fressen, was uns vor die Füsse geworfen wird! Allerdings erscheint mir die ganze Kritik und Besserwisserei ein ABLENKUNGSMANÖVER dieser furchtbaren Wahrheit zu sein, der man ehrlich gesagt nur ganz schwer auskommen kann! Ist es denn tatsächlich so schwer, an das Gute zu glauben, an einer grandiosen Idee festzuhalten, die entstanden ist im Herzen eines Mannes, weil ihn das Schicksal eines verzweifelten Kindes, das sich lieber zu sterben, als zu leben wünscht, nicht mehr losgelassen hat, und dann sein ganzes weiteres Leben dem Versprechen, das er einem Kind in Uganda gemacht hat, großartig Folge leistet? Also, ich für meinen Teil ziehe meinen imaginären Hut vor dem Mann, der die ganze Welt in Bewegung gesetzt hat, um endlich HINZUSCHAUEN, dort hinzuschauen, wo Hilfe notwendig ist!!!

    • klean

      Die freiwillige Zugfahrt auf der emotionalen Schiene funktioniert offenbar also, auch wenn die LRA seit 2006 nicht mehr militärisch in Erscheinung trat.
      Und wieder das „bewährte Rezept“: Bösewicht auswählen – medial verbreiten – Unterstützung einfordern – Unterstützer gewinnen – Befriedung der Situation durch „humanitären Einsatz“. Eine Lösung für die Schwarz-Weiß-Welt, jedoch gibt es in der mich umgebenden Welt etliche Abstufungen von Grau und No-Gos wie orwellsch getarnte Worthülsen wie „humanitäre Einsätze“. Äußerer Druck macht mehr kaputt als ein innerer Impuls – gilt m.E. sowohl bei Individuen sowie Gruppen als auch Staaten.
      Und keineswegs ist diese Meinung exklusiv:

  9. Pingback: Kony 2012 – ein Kreuzzug 2.0? « Schokokäse

    • Bonsta

      Du kommst hier mit einem Artikel, der im Original von „Alles Schall und Rauch“ stammt. Der Schreiberling leugnet nicht nur das Ende des Ölzeitalters durch die Behauptung, dass es a-biotisches Öl gebe, sondern auch den antrophogenen Klimawandel, was er zwangsweise dann muss.

      Superlative, wie mehr „Öl als Saudi Arabien“ sind pure Fantasie.

      Prüfe deine Quellen! „Alles Schall und Rauch“ verfolgt durchaus andere Interessen, als „Information“.

  10. barshai

    Ergänzend vielleicht noch dies zu den mutmaßlichen Geldgebern und Unterstützern der Kampagne:

    „(…) Follow the money … Auffällig auch, von wem die Organisation in den letzten Jahren Geld bekam. So wurde nach einem Bericht von „Here TV“ der Aufbau von Invisible Children hauptsächlich von evangelikalen Gruppen und Kirchen unterstützt, etwa von „Legacy of a Christian Vision“ oder der „Malachai Foundation“, die gegen Homo-Ehe und Abtreibung kämpft. Spenden kamen auch von der „Caster Family Foundation“, die als eine der größten Geldgeber für die Volksabstimmung Proposition 8 gegen die Ehe-Öffnung in Kalifornien gilt.

    Mehrere hundertausend Dollar bekam Invisible Children vor allem von der fundamentalen „National Christian Foundation“, die Gelder für eine „christliche Mission“ bereitstellt. Sie hat zugleich die größten anti-schwulen Organisationen in Amerika, „Focus on the Family“ und das „Family Research Council“, unterstützt – sowie die „Fellowship Foundation“ und „Harvest Evangelism“, zwei amerikanische Organisationen, die ugandischen Politikern bei der geplanten Einführung der Todesstrafe für Schwule geholfen haben, wenn sie diese nicht sogar initiiert haben …“
    Quelle: „Kony 2012: Verbindung zu homophoben Gruppen“, Queer.de 17.03.2012 http://www.queer.de/detail.php?article_id=16127

  11. Pingback: KONY 2012 – Hehre Ziele und echte Kritik « Social Media Marketing

  12. Pingback: KONY 2012 – Das Netz jagt einen Mörder | SANKT & ART

  13. Pingback: ⇒ Stop Kony 2012 - Invisible Children (S.2): narutofan1 Überlegen wir doch mal, was ...

  14. Pingback: Kony 2012 « Pimpampel

  15. Pingback: Jacobs Woche (11.3. – 17.3.2012) | Jacob Jung Blog

  16. Pingback: Jacobs Woche (11.3. – 17.3.2012) | Die besten deutschen Blogs aller Zeiten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s