Nazi-Angriff auf türkischen Imbissbesitzer in Sachsen-Anhalt

13.3.2012 – Ende Februar haben insgesamt sechs rechtsextremistische Täter einen Imbiss in Mücheln (Sachsen-Anhalt) überfallen und den Betreiber und seine Lebensgefährtin massiv bedroht, geschlagen und ernsthaft verletzt. Wenn sie das Lokal nicht schließen, würde sie als „nächste in die Zeitung kommen“ höhnten die Täter.

Skandalös ist nicht alleine die Tat selber oder deren weitgehendes Verschweigen durch die Medien. Fast noch schwerer wiegt nämlich das Verhalten der örtlichen Polizei, die den Opfern Hilfe und Unterstützung verweigerte und zunächst ignorierte, dass es sich eindeutig um eine politisch motivierte Tat handelt.

Sie brauchen keinen Arzt

„Mücheln und seine Ortsteile sind nicht nur einen kleinen Besuch wert, es lässt sich hier auch wunderbar leben. Von der idyllischen Dorfgemeinschaft, über den sanierten Altbau in der Innenstadt, bis zur günstigen ersten Wohnung in der Stadt findet sich für jeden das Geeignete.“

So heißt es auf der Internetseite der kleinen Ortschaft Mücheln, die mit gut 9.000 Einwohnern im Saalekreis in Sachsen-Anhalt liegt. Für einen türkischen Imbissbetreiber, seine Lebensgefährtin und deren siebenjährige Tochter stellt sich der Ort, in dem er seit November letzten Jahres ein Lokal betreibt, seit dem 25. Februar 2012 nicht mehr als Idylle dar.

Gegen 17.00 Uhr betreten an Sonntag sechs Unbekannte das Lokal. Sie fordern den Betreiber auf, den Imbiss bis zu „Führers Geburtstag“ am 20. April zu schließen. Andernfalls werde er, in Anspielung auf die Mordserie der rechtsterroristischen NSU, als nächste Person in der Zeitung stehen.

Die Angreifer werfen den Imbissbesitzer zu Boden. Sie treten und schlagen auf ihn ein und verletzen auch seine Lebensgefährtin mit Faustschlägen. Die 7-jährige Tochter muss mit ansehen, wie ihre Eltern bedroht, geschlagen, getreten und verspottet werden.

Erst als die Lebensgefährtin beherzt ein Messer in die Hand nimmt, lassen die Angreifer von ihren Opfern ab und ziehen sich zunächst zurück. Unmittelbar danach versuchen sie erneut in das Lokal einzudringen. Dabei zerschlagen sie eine Doppelglasscheibe, deren Splitter den Betreiber verletzen. Das Paar versteckt sich nun mit der kleinen Tochter in der Küche des Lokals und verständigt von hier aus mehrmals die Polizei.

Die Notrufe werden offensichtlich nicht ernst genommen. Es dauert geraume Zeit, bis endlich ein Streifenwagen am Tatort eintrifft. Die Beamten führen jetzt zunächst einen Alkoholtest bei dem Betreiber durch. Die blutende Verletzung am Ohr quittiert einer der Polizisten mit „Sie brauchen keinen Arzt“.

Hinweisen auf das eindeutig politische Motiv geht die Polizei zunächst nicht nach. In einer Pressemeldung heißt es stattdessen, es sei in dem Lokal zu einer Auseinandersetzung über das Rauchverbot gekommen. Die Polizei kümmert sich auch nicht um das verängstigte und schockierte Paar. Erst drei Tage nach der Tat melden sich Ermittler erstmalig wieder bei den Opfern. Ein Beamter wurde inzwischen von seinen Aufgaben entbunden.

Weitere Vorfälle in Mücheln

Nach dem Vorfall trauen sich der Betreiber und seine Lebensgefährtin zunächst kaum mehr in den Imbiss. Als sie am nächsten Tag einige Gegenstände von dort holen wollen, fahren zwei Autos, in denen sie auch zwei der Täter erkennen, mit aufheulendem Motor mehrmals provozierend und bedrohlich an dem Geschäft vorbei. Am Imbiss und in seiner Umgebung findet das Paar mehrere Aufkleber mit rechten Parolen.

Aufgrund großer finanzieller Nöte sehen sich die Betreiber gezwungen, den Imbiss nach einwöchiger Pause wieder zu öffnen. Seitdem ist allerdings die Kundschaft weitgehend ausgeblieben. Die Anwohner haben wohl Angst sich dort aufzuhalten oder wissen nicht, wie sie mit den Opfern umgehen sollen. Angesichts von monatlichen Kosten in Höhe von mehr als 1.000 Euro steht das Lokal, das bis zu der Tat einträglich betrieben werden konnte, jetzt vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Gestern Abend ist es in Mücheln erneut zu einem fremdenfeindlichen Vorfall gekommen: Mehrere Jugendliche hatten sich nach Angaben der Polizei an einer Bushaltestelle in unmittelbarer Nähe zum Imbiss versammelt und dort fremdenfeindliche und volksverhetzende Parolen skandiert. Die jugendlichen Täter hatten verabredet, das Geschäfts auszusuchen, um dort „die Polizei zu stressen“.

Nach dem Einschreiten der Polizei hatten die Jugendlichen zunächst die Flucht ergriffen, konnten allerdings kurze Zeit später aufgegriffen und vernommen werden. Vier von ihnen sind in der Vergangenheit wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung bereits polizeilich in Erscheinung getreten. Gegen zwei von ihnen wurde bereits wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt.

Heute hat der zuständige türkische Generalkonsul Tunca Özçuhadar den Imbiss-Betreiber und seine Lebensgefährtin in Hannover empfangen. Zu dem Treffen wurde auch der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht (CDU), eingeladen. Der Minister versprach, Fehler des Polizeieinsatzes weiter aufzuarbeiten. Das Verhalten der Beamten bezeichnete er als „desaströs“ und „unprofessionell“.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sprach sich ebenfalls für eine Aufarbeitung des Falles aus und kündigte entsprechende Konsequenzen an. Schließlich gehe es um den Ruf und das Image unseres Landes.

Spendenaufruf für die betroffene Familie

Abgesehen von moralischer Unterstützung, Hilfe durch Behörden und Polizei und Zuspruch aus der Bevölkerung, braucht das geschädigte Paar jetzt dringend finanzielle Unterstützung. Von daher hat der Verband „Mobile Unterstützung für Opfer rechter Gewalt“ in Magdeburg zu einer Spendenaktion aufgerufen.

Als deutliches Zeichen der praktischen Solidarität mit der betroffenen Familie und als klares Signal an die Täter, dass rassistische Gewalt und Verherrlichung der NSU-Morde nicht geduldet werden, bittet die Mobile Opferberatung um Spenden für den entstandenen finanziellen Schaden.

Da viele meiner Leser mich immer wieder fragen, ob sie dieses Blog nicht auch finanziell unterstützen können, bitte ich stattdessen um Spenden an die folgende Bankverbindung. Nähere Informationen über den Spendenaufruf und die Arbeit des Opferverbandes finden sich hier.

Kontoinhaber: Miteinander e.V.
Konto-Nr.: 53 53 53
Bankleitzahl: 810 205 00
Verwendungszweck: Angriff Mücheln

 

Vielen Dank für Eure Solidarität.

 

 

 

80 Kommentare

Eingeordnet unter Politik, Rechtsextremismus

80 Antworten zu “Nazi-Angriff auf türkischen Imbissbesitzer in Sachsen-Anhalt

  1. jakebaby

    rundertischdgf,

    Dein verschwurbelnder Aufwand in Ehren? … kannst du ueber deine Tendenzen nicht hinwegtaueschen!

  2. Pingback: Statusupdate « …Und So Zeug

  3. Peter Petereit

    Im Gegensatz zu Dir, „rundertisch“, habe ich einen Namen und gebe ihn preis. Deinen Gedankenmüll kann ich als denkender Mensch nicht nachvollziehen… Ich kann nicht irgendwo stehen. Ich habe meine Seite gewählt. Es ist die, wo das Herz schlägt. Man kann das sogar fühlen. Solltest Du mal versuchen.

  4. Marie

    Nach meiner Meinung ist es ein falsches Verständnis von Meinungfreiheit, wenn man diese so weit auslegt, dass im öffentlichen Raum (und um einen solchen handelt es sich nach meiner Meinung bei Blogs im Internet), der Verbreitung von rechter Propaganda und menschenverachtendem „Unrat“ eine Plattform geboten wird. Nach meiner Meinung war Ihr klares Statement fast schon überfällig, Jakob.

    Ich bin da mit Altautonomer völlig einer Meinung. Die „Argumentation“ vekappter Rechtsextremisten ist leicht zu durchschauen und ich kenne ihre Argumentationsmuster besser, als mir lieb sein kann. Im Internet wimmelt es geradezu von Seiten, auf denen sie immer gehäufter und ungenierter auftreten und extrem aggressiv ihre menschenverachtende Hetze betreiben. Diesem „Unrat“ auf Schritt und Tritt zu begegnen, schadet der geistigen Gesundheit und ich bin froh, dass ich ihnen wenigstens hier hoffentlich nicht auf Schritt und Tritt begegnen muss.

    • Weltbürger

      @Marie

      Meinungsfreiheit bedeutet für Dich also, dass nur Meinungen gelten dürfen, die so ungefähr der deinigen Meinung entsprechen?

      Es tut mir weh, dass so viel Hass aus Deinen Worten spricht. Wollen wir denn nicht eine friedliche, liebevolle Zukunft für die gesamte Menschheit aufbauen?

      Überzeuge doch Deine tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner lieber mit Argumenten, daran fehlt es doch nicht, statt sie zu verachten und zu beschimpfen. Mit Worten fängt alles an …

  5. Pingback: Jacobs Woche (11.3. – 17.3.2012) | Jacob Jung Blog

  6. ugh

    Wie perspektivlos muss diese Gegend sein, daß sich dort solch ein Haß nicht nur verbreiten kann, sondern scheinbar auch noch als normal empfunden wird …

  7. Marie

    Dass Meinungsfreiheit bedeute, nur solche Meinungen äußern zu dürfen, die meiner entsprechen, das habe ich nun wirklich nicht gesagt. Es gibt ja nun eine Menge Meinungen, die nicht der meinigen entsprechen und die nicht menschenverachtend sind und billige Ressentiments und haltlose Verdächtigungen gegen andere Menschen schüren.

    Inwiefern Hass aus meinen Worten sprechen sollte, gar noch „so viel Hass“, erschließt sich mir nicht. Die Meinungsfreiheit hört für mich exakt an der Stelle auf, wo durch mit Verlaub widerliche Unterstellungen die Menschenwürde anderer Menschen massiv verletzt wird und wozu eine derartige, m.E. völlig falsch verstandene „Tolleranz“ führen kann, davon möchte ich gar nicht erst anfangen.

    Sie dürfen gerne versuchen, rechtspopulistische Spalter und Hetzer zu überzeugen und zu ganz ganz lieben und netten Menschen zu machen, auf PI und vielen anderen Seiten bietet sich da ein geeignetes und weites Betätigungsfeld, ich halte das allerdings mit Verlaub für wenig erfolgversprechend.

    Ich habe hier niemanden beschimpft und mit kriegerischer Rhetorik, wie „Gegner“ habe ich sowieso nichts am Hut.

    In einem haben Sie allerdings völlig recht: Mit Worten fängt alles an und genau deshalb gilt es meiner Meinung nach, den menschenverachtenden und widerlichen Worten rechter Populisten sehr entschieden und unzweideutig entgegen zu treten, so wie das der Jacob getan hat und wie ich es auch absolut richtig finde.

  8. Keine Angst, wir vom „Runden Tisch“ haben nicht den Anspruch irgendwen belehren zu wollen, erst recht nicht hier.
    http://www.runder-tisch-niederbayern.de beschreibt unser Selbstverständnis. Auch wir müssen uns ständig in Frage stellen, z.B. müssen wir natürlich unsere Sprüche in der Laufschrift auch immer wieder auf uns anwenden, denn jeder kann sich irren, er muß sich aber auch von einem Irrtum befreien können. Nicht umsonst haben wir als Metahper für unser Handeln die Bremer Stadtmusikanten gewählt. Darüber sollten die Kritiker, mal ohne Schaum vor dem Mund, nachdenken. Und wer will, der kann natürlich uns ebenfalls seine Meinung schreiben. Schwerpunkt ist für uns derzeit der ESM, wir befürchten, daß damit unsere Demokratie ausgehebelt werden soll. Deshalb wollen wir helfen, sie wieder richtig hinzustellen. Da interessiert uns das Rechts. Links und Mitte Denken überhaupt nicht. Ohne Gräben sollten wir gemeinsam Handeln und uns auch nicht durch Nebensächlichkeiten ablenken lassen.
    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/03/16/esm-demokratie-steht-kopf/

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